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„Meine Seele ist so wund“ – Ein Kleist-Porträt von Norbert Peis

1 Einleitung


1.1 Triumphgesang im Augenblick des Todes? Sichtweisen auf den Selbstmord / Kleist-Bilder im Wandel

Mystik, Romantik, Idyllik sowie die Aromen großer Liebestode à la Romeo und Julia oder Tristan und Isolde – all dies verspricht sich wohl auch heute noch mancher Literaturfreund von einem Besuch der Todes- und Grabesstätte Heinrich von Kleists. Die Rede ist von jener beschaulichen Anhöhe eines waldigen Hanges, auf der unter einer hohen Eiche ein granitener Gedenkstein an den großen Dichter erinnert: unweit von hier, am Ufer des Kleinen Wannsees bei Potsdam, erschoss an einem kalten Winternachmittag im November 1811 der 34jährige Poet erst seine unheilbar an Gebärmutterkrebs erkrankte Suizidgefährtin Henriette Vogel – und dann sich selbst. Sie war zwei Jahre jünger als er. Um die Hoffnungslosigkeit ihrer gesundheitlichen Lage wusste die schwärmerisch veranlagte Partnerin Kleists. Deshalb gewann vermutlich auch der Gedanke an ein freiwilliges vorzeitiges Ende überhaupt erst etwas Verführerisches für sie, jener Gedanke an ein zweisames Sterben, den wohl eine verklärende Vorstellung begleitete: die nämlich eines von inniger Liebe betreuten wie spirituell beschwingten Hinübergehens in die himmlischen Sphären, eines feierlichen Scheidens, gemeinsam und gottestrunken.
Sie hatte „überspannte religiöse Begriffe“[1].
Indes ist schwer zu sagen, ob der lebensüberdrüssige Dichter von der tödlichen Krankheit seiner Vertrauten unterrichtet war. Nach außen hin zelebrierte er seinen „Seinsausstand“[2] jedenfalls so, als ob er im ungetrübten Hochgefühl des eigenen Untergangs einem makellosen Liebestod entgegenginge; entsprechend rühmte er denn auch Henriettes Teilnahme daran als einen astreinen Akt völlig selbstloser Aufopferung und totaler Hingabe. Vielleicht sah er also in seiner Freundin wirklich jenes seelische Vermögen verwirklicht, das er selbst als das Höchste pries:[3]„sich aufzuopfern, ganz für das, was man liebt, in Grund und Boden zu gehen: das Seligste, was sich auf Erden erdenken läßt, ja worin der Himmel bestehen muß, wenn es wahr ist, dass man darin vergnügt und glücklich ist.“[4]

Wie dem zunächst auch sei: 200 Jahre nach diesem damals sehr geschmähten und heute legendenumwobenen Doppelselbstmord, also 2011, soll nun das Grab Kleists erneuert werden – ein Umstand, der in nächster Zeit sicherlich wieder den einen oder anderen Ausflügler mehr an diesen denkwürdigen Ort lockt. Ob sich dann dort beim einzelnen Pilger tatsächlich die Eindrücke zu solchen atmosphärischen Stimmungen verdichten, dass man unbedingt so aufgeladene wie die gleich eingangs angeführten Ausdrücke bemühen muss, das hängt sicherlich vom jeweiligen Betrachter der Stätte selbst ab. Wie unterschiedlich Sichtweisen auf den kleistschen Tod ausfallen können, vor allem aber: wie stark diese auch vom jeweiligen Zeitkontext abhängen, dies zeigt ein kurzer historischer Rückblick.

Bereits zeitgleich mit der anfänglichen und lange Zeit anhaltenden schroffen Ablehnung des Selbstmords – dieser widersprach damals natürlich den christlichen Moralvorstellungen vieler Leute – begannen ganz wenige Ausnahmen damit, ihn „als vorbestimmte Vollendung seines Schicksals zu verherrlichen.“[5] Schon ein Zeitgenosse und zudem ein persönlicher Freund Heinrich von Kleists, der romantische Dichter Fouqué, sagte kurz nach dem Doppelsuizid über seinen unglücklichen Kollegen: als „einer der herrlichsten Selbstmörder, die es je gegeben hat,“ sei dieser „mit edler Besonnenheit, verirrt hinabgestiegen,“ und zwar „nicht ohne Ahnung von Religion.“[6]

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts florieren dann verschiedene Spielarten weiterer religiöser oder metaphysischer Überhöhungen, also ähnlicher Glorifizierungen dieses Freitods am Wannsee: man müsse schon von „sehr oberflächlicher Auffassung“ sein, meint z. B. Anfang der 20er Jahre Rudolf Unger, wenn einem Kleists Ende „als etwas halb Zufälliges, durch äußere Umstände ... Herbeigeführtes gelten“ könne; denn unbestreitbar sei sein Tod „der Opfergang eines Todgeweihten, aber auch Todesreifen, und darum die sichere Pforte zu einem höheren, wesenhafteren Leben.“[7]

In diesen Zeilen spiegelt sich besonders deutlich der oben angesprochene Gedanke einer schicksalhaft vorherbestimmten Vollendung wider. Nun würden an und für sich diese beiden eben angeführten Beispiele der Verklärung schon ausreichen, um weiter unten den Unterschied zwischen ihnen und den dann noch zu skizzierenden moderneren Sichtweisen ein wenig sichtbar zu machen; dennoch sei hier noch kurz aus Gerhard Frickes berühmten Buch Gefühl und Schicksal bei Heinrich von Kleist[8]von 1929 zitiert, in dem ebenfalls ein nebulöser Ton der Verherrlichung des Wannsee-Suizids weht. Anhand der Schlusspassage dieses Werks kann man nämlich am Ende dieses Kapitels besonders schön erkennen, wie sehr doch frühere mit späteren Deutungen auch in rein sprachlicher Hinsicht kontrastieren. Man achte daher bei den nun folgenden Zeilen über Kleists Ende vorwiegend auf den überschwänglich-religiösen Sprachduktus, auf diesen feierlichen Stil von geradezu sakraler Erregtheit: „Und ob auch seine Dichtung wie eine wundervolle Auslegung seines Todes erscheint, so gibt es doch in ihr keinen Augenblick, der diesem Tode an Größe und Herrlichkeit gliche, in dem das unzerstörbare, gottgeschaffene Ich sich wie auf Schwingen des ewigen Gefühls erhob, mit einer wahrhaft unirdischen, göttlichen Leichtigkeit und Freiheit, Demut und Seligkeit die Last und das Grauen der Welt wie Staub versinken ließ, um unaufhaltsam heimzukehren zu dem ewigen Ursprung und Ziel: zu Gott und zu sich selbst.“[9]

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich dann der Blickwinkel auf Kleists Selbstmord auffallend geändert: man nimmt jetzt verstärkt jene Position ein, die Rudolf Unger soeben als oberflächlich bezeichnete, und meidet immer mehr die pastoral anmutende Rhetorik sowie das große Pathos; man sieht die Auslöser für den Suizid nun eben doch eher in bestimmten Zufälligkeiten und äußeren Einflüssen, z. B. in den permanenten Geldnöten des Dichters, in seinen sozialen und beruflichen Schwierigkeiten, in den konkreten Problemen seiner praktischen Lebenswirklichkeit. Während also in den 50er Jahren auch noch etwa ein Thomas Mann die Auffassung vertritt, Kleist – dessen Leben ohnehin „zu frühem Tod bestimmt“ gewesen sei – habe sich „aus metaphysischer Sehnsucht“[10] umgebracht, so mehren sich alsbald auch jene Stimmen, die hierfür relativ profane Gründe anführen: Der arme Dichter sei einfach pleite, ja sogar verschuldet gewesen; er sei damals eben nicht an die richtigen Förderer oder Verleger geraten, was zu Erfolglosigkeit, andauernden finanziellen Problemen und zu gesellschaftlicher Isolation geführt habe; derlei und ähnlich alltägliche Widrigkeiten, keineswegs notwendige, hätten ihm das Leben allmählich verleidet. Hehre Motive wie romantische, religiöse oder metaphysische Todessehnsucht müsse man da gar nicht unbedingt bemühen.

Einher geht dieser Perspektivenwechsel mit einer neuen Sicht auf den Dichter selbst: da sein Werk inzwischen gründlicher gekannt wird, sieht man ihn nämlich in jüngerer Zeit nicht mehr so sehr als den weltfernen Träumer, sondern vielmehr als einen scharfsichtigen Realisten sowie kritischen Analytiker von psychologischen, politischen und gesellschaftlichen Phänomenen seiner Zeit. Seit man diese Seiten des Poeten genauer zur Kenntnis nimmt, korrigiert man nun zunehmend das Bild vom stets nur der Welt entschwebenden Kleist, der sich vorwiegend nach reicheren Sphären sehnt und kaum das Alltagspflaster der gewöhnlichen Wirklichkeit berührt: vielmehr gilt er jetzt als ein Beobachtungskünstler, als ein genauer „Darsteller von Erfahrungen mit einer Wirklichkeit, wie sie sich im politischen Kräftespiel seiner Zeit, in der Ausprägung aufoktroyierter Geschlechterrollen, in Justiz- und Militärdisziplin der napoleonischen Zeiten auf neue und bislang unerhörte Weise ausprägen.“[11]

Wahrgenommen wird also Kleist nun auch als „ein hochempfindlicher Seismograph, der die Beben der Zeit, die Neustrukturierung der Gedanken- und Gefühlswelt, die Widersprüche und Absurditäten wohl doch genauer registriert als die meisten seiner Zeitgenossen“[12] und „dessen unbestechlicher Blick den sozialen Paradoxien des heraufziehenden 19. Jahrhunderts“ bzw. „den widersprüchlichen Ordnungen der Goethezeit“[13] gilt.

Diese veränderten Sehweisen auf den Dichter sind mitunter ein Grund dafür, weshalb in neueren literaturwissenschaftlichen Darstellungen des kleistschen Endes auch vorwiegend ein sehr sachlicher und unabgehobener Ton vorherrscht. Ziel solcher Texte ist es jetzt, die sich um die Person des Dichters rankenden Legenden und Mythen abzuschneiden, um einen klareren Blick auf dieselbe zu erlangen. Man möchte inzwischen Kleist eher als jemanden betrachten, der – wie eben alle anderen Menschen auch – durchaus den Wunsch nach einem gelungenen und gesellschaftlich integrierten Leben kannte und der mit großer „Wirklichkeitslust“[14]immer wieder Projekte an sich riss, mit denen er sich in dieser Welt behaupten wollte.

Damit ist in etwa die Tendenz angedeutet, welche die Sichtweisen auf Kleists Ende ungefähr seit der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts angenommen haben. Freilich handelt es sich dabei nur um eine vage Darstellung, zumal hier natürlich alle etwas moderneren Positionen über einen Kamm geschert wurden. Dennoch lässt sich die grobe Richtung, in welche die Deutungen jüngerer Zeit gehen, mit folgenden Begriffen ganz gut umreißen: Ent-Heroisierung, Ent-Glorifizierung, Ent-Mystifizierung.

Was aber hat dazu geführt, dass man den Suizid des Dramatikers einst in den beschriebenen Formen überhöhte und verklärte? Kleists Abschiedsbriefe sind hierfür sicherlich mitunter ein Grund; diese enthalten durchaus schwärmerische Töne und lassen eine Sehnsucht nach jenseitigen Gefilden vermuten. An eine gemeinsame Bekannte von ihm und seiner Todespartnerin Henriette Vogel schreibt er z.B.: „Der Himmel weiß, meine liebe Freundin, was für sonderbare Gefühle, halb wehmütig, halb ausgelassen, uns bewegen, in dieser Stunde, da unsere Seelen sich, wie zwei fröhliche Luftschiffer, über die Welt erheben, noch einmal an Sie zu schreiben. (...) Wir unsererseits träumen lauter himmlische Fluren und Sonnen, in deren Schimmer wir, mit langen Flügeln an den Schultern, umherwandeln werden. Adieu!“[15] Außerdem versteht Kleist seine Melancholie, die Traurigkeit, die ihn in den Freitod treibt, keineswegs als eine jederzeit behebbare Allerweltsverstimmung der Psyche, sondern vielmehr als eine Art metaphysische Krankheit, als eine – wie er es selbst ausdrückt – „höhere, festgewurzelte und unheilbare“.[16] Wenn man nun seine Briefe wörtlich nimmt – wozu man früher eher neigte als heute – so lässt sich das Zustandekommen älterer Sichtweisen auf den Dramatiker und dessen Ende sicherlich nachvollziehen; schließlich malt er sich darin ja auch manchmal einen erhabenen Liebestod aus. Zudem hat Kleist wiederholt ihm Nahestehende dazu aufgefordert, sich mit ihm umzubringen; zumindest könnte man dies aus eben diesen Briefen schließen.

In neuerer Zeit betrachtet man jedoch diese Dokumente, was ihren Informationswert für die Biografie des Dichters anbelangt, immer kritischer. Es wird zunehmend erkannt: Kleist geht es dabei nicht darum, getreu das Sein der Dinge zu spiegeln oder ein genaues Abbild der realen Erlebnisse, Stimmungen und Geschehnisse zu verfassen, nein, vielmehr will er häufig bei den Adressaten mit funkelnden Artefakten, mit beeindruckenden Sprachgebilden brillieren; auch will er in seinen Briefen andere durch Übertreibungen manipulieren und für sich und seine Absichten gewinnen; ferner möchte er darin sein eigenes Leben literarisieren, seine Erfahrungen und Eindrücke poetisieren. Dabei liebt er den rhetorischen Gestus, er berauscht sich an den eigenen sprachlichen Wendungen, manchmal inszeniert er sogar Rollenspiele. Hierauf soll jedoch später näher eingegangen werden; jene Stellen aber, dies sei hier festgehalten, die auf eine Todessehnsucht Kleists zu verweisen scheinen, betrachtet aus solchen Gründen die modernere Forschung nicht selten nur mehr noch als vorwiegend dichterische Todesvisionen, als ästhetische Konstrukte.

Natürlich aber gab und gibt es auch immer noch andere Meinungen zum Suizid des Dichters. Zuweilen sah man z. B. in der patriotischen Enttäuschung Kleists über die militärische Katastrophe Preußens das wesentliche Motiv. Der übermächtige Feind Napoleon verkörperte vor allem für den späteren Kleist geradezu das Böse schlechthin. 1808 nahm er an konspirativen Aktivitäten zur Vorbereitung einer Volkserhebung gegen die französische Fremdherrschaft teil; nach der Niederlage Österreichs gegen Napoleon im Jahre 1809 in der Schlacht bei Wagram scheiterte auch der kleistsche Plan einer patriotischen Zeitschrift Germania; seine letzte Hoffnung auf eine Befreiung richtete sich nun vergeblich auf Preußen. Kurzum: Kleists nationalistische Agitation und seine Propaganda-Werke haben dazu verleitet, ihn später entweder als den großen patriotischen Dichter Preußens oder gar als den ersten Sänger des Nationalsozialismus zu feiern. Entsprechend hat man dann den Tod des Dichters heroisiert: als den eines Mannes, der an der Schmach des Vaterlandes zerbrach.

Nicht zuletzt sei noch ein weiterer Aspekt erwähnt, unter dem man den Dramatiker und seine Wannsee-Tat immer wieder betrachtet hat. Schon einige Zeitgenossen sahen nämlich seinen Suizid als den Akt eines Wahnsinnigen an; man pathologisierte also Kleist über viele Jahrzehnte hinweg – ein Prozess, an dessen Gedeihen vielleicht auch Goethe nicht ganz unbeteiligt war: ihm galt ja das Klassische als das Gesunde und das Romantische, zu dem er auch den Dichter des Zerbrochnen Krugs zählte, als das Kranke. Andererseits faszinierte eben dieses angeblich oder, je nach Auffassung, tatsächlich Krankhafte Kleists und seines Werkes gerade das 20. Jahrhundert außerordentlich. Man denke hierbei u. a. an den Expressionismus.

Inzwischen wird jedoch schon häufig – so z. B. in den neuen Biografien von Bisky und Schulz aus dem Jahre 2007, aber auch schon früher – eine solche Pathologisierung gemieden. Möglicherweise will man dadurch auch weiteren fragwürdigen Heroisierungsversuchen den Wind aus den Segeln nehmen. Wird nämlich auch der Wahnsinn verherrlicht, etwa als höhere Weisheit oder dergleichen, so gelangt man natürlich leicht zu Vorstellungen wie dieser: der Dichter, dessen Geist ein Mantel des hellsichtigen Wahns umhüllt und der tiefer denn wir in die Schächte aller Welträtsel blickt; der Poet, der wirklichkeitsüberlegen das Irdische verlässt, während ein letztes Mal der Strahl seines Sehertums aus dem ätherischen Glanz seiner Augen zuckt – usw.

Abschließend soll hier noch eine Einschätzung zu Kleists Ende aus dem Jahre 1988 von Thomas Wichmann zitiert werden. In Bezug auf die ältere Biografik kritisiert er in diesem Kontext zunächst die Behauptung von Kleists Wahnsinn, alsdann die patriotische Heroisierung, ehe er schließlich ein schon angesprochenes Motiv für den Freitod betont: „Und wenn es nicht der Wahnsinn war (der als solcher ohnehin noch lange nichts ,erklären‘ würde), so war es sein heroischer Wille, der die politische Untätigkeit des Vaterlands, will sagen das Nichtkriegführen Preußens, als Schande empfand und den Tod wählte. Daß er aber an dem Hundeleben verzweifelt sein könnte, das er zu leben gezwungen war, kam keinem in den Sinn. Unser täglich Brot: Kleist bezog im ganzen Jahr 1811 nicht mehr als etwa 150 Rth. an Honoraren für den ,Zerbrochnen Krug‘ und den zweiten Band der Erzählungen.“[17]

Nachdem nun die historischen Sichtweisen auf das Wannsee-Ende des Dichters – und somit auch auf eben diesen Dichter selbst – ein wenig umrissen wurden, stellt sich natürlich jetzt die Frage nach dessen konkreter Lebenssituation kurz vor seinem Freitod.


1.2 Wodurch hat sich ihm das Leben so entfärbt?

In den letzten Monaten vor seinem Tod sieht sich Kleist in labyrinthischer Ausweglosigkeit. Sein bisheriges Dasein liegt überwiegend als ein Ödland zersprungener Illusionen, geplatzter beruflicher Pläne und gescheiterter Lebensentwürfe hinter ihm, und die in der Vergangenheit tatsächlich durchlebten Freuden vergiftet ihm obendrein auch noch eine letzte familiäre Kränkung: Seine Schwestern beschimpfen ihn wenige Wochen vor dem Doppelsuizid als Versager. Mit dem erst kurz zuvor erlittenen Konkurs der von ihm herausgegebenen Berliner Abendblätter ist er finanziell wieder einmal am Ende, ja sogar verschuldet; keines seiner patriotisch-politischen Werke, mit denen er jüngst noch alle Deutschen auf eine barbarische und inhumane Art zum Kampf gegen seinen Erzfeind Napoleon aufgerufen hatte, war an die Öffentlichkeit gelangt; und auch sein letztes Drama vomPrinzen Homburgfand keinen Verleger und keine Bühne mehr. Ferner klagt er über häufiges Alleinsein in Berlin, wo er zu dieser Zeit lebt: seine Freunde und Bekannten sind inzwischen überwiegend verheiratet sowie gesellschaftlich bzw. beruflich eingereiht und in andere Städte gezogen. Daher ergreift ihn die „Einsamkeit des aus jedem gesellschaftlichen Verband Gefallenen, der zum unverbundenen Atom in der großstädtischen Menge wurde“[18] – jene Verlassenheit in der Gleichgültigkeit des Anonymen, die Kleist selbst schon Jahre zuvor während seines Aufenthaltes in der Metropole Paris beschreibt.

Als er dann noch von der geplanten Allianz des preußischen Königs mit Napoleon erfährt, sinkt auch seine letzte Hoffnung, nämlich als Soldat für eben diesen König gegen Frankreich kämpfen zu dürfen. Dies ist, grob skizziert, seine Lage vor dem Selbstmord, die er mit eigenen Worten so beschreibt: „Wirklich, es ist sonderbar, wie mir in dieser Zeit alles, was ich unternehme, zugrunde geht; wie sich mir immer, wenn ich mich einmal entschließen kann, einen festen Schritt zu tun, der Boden unter meinen Füßen entzieht.“[19]

Blickt man auf sein ganzes Leben zurück, erstrahlt kein harmonischeres Bild.

Da er die militärische Laufbahn frühzeitig abgebrochen hatte und er sich auch nie so recht in ein Amt fügen wollte, suchte er immer nach ihm gemäßen Alternativen; ihm schwebte z. B. eine Existenz als Bauer, Lehrer, Journalist, Neuholland-Auswanderer oder als Dichter vor. Sofern diese Projekte aber überhaupt ins Rollen kamen, karambolierten sie meist sehr schnell mit den nackten Tatsachen der Realität. Als Dramatiker und Erzähler hat es ihm und seinem Werk an einem breiteren Publikum gefehlt. Die damaligen Lesegewohnheiten waren durch die Klassik und Romantik geprägt, und Kleists eigenwillige Schöpfungen schwankten auf unetikettierbare Weise irgendwo dazwischen und verfehlten somit überwiegend den Zeitgeschmack. Und so musste er sich, zumindest an seinen eigenen hohen Ansprüchen gemessen, schließlich auch als Dichter gescheitert fühlen.

Gemeinsam mit Henriette Vogel begeht er am 21. 11. 1811 schließlich Selbstmord. Kleists Abschiedsbriefe bewegen sich zwischen Melancholie, Verbitterung und erhabener Euphorie. Die meisten Stellen klingen aber heiter oder beglückt, worin die Forschung jedoch immer wieder – vor allem in jüngeren Jahren – auch etwas Gewolltes, Forciertes und Affektiertes vermuten möchte. Den „Triumphgesang“, den seine „Seele in diesem Augenblick des Todes“[20] angestimmt habe, nehmen ihm also viele Germanisten nicht mehr ab, zumindest nicht als volle Wahrheit. Dies gilt wohl auch für folgende Zeilen an die Kusine Marie von Kleist, an seine enge Vertraute der letzten Lebensmonate: „Ach, ich versichre Dich, ich bin ganz selig. Morgens und abends knie ich nieder (...) und bete zu Gott; ich kann ihm mein Leben, das allerqualvollste, das je ein Mensch geführt hat, jetzo danken, weil er es mir durch den herrlichsten und wollüstigsten Tode vergütigt.“[21]

Es gibt natürlich noch viele interessante Aspekte zu diesem Freitod. Auf einige Gesichtspunkte zum Ende am Wannsee soll daher im Schlussteil dieser Arbeit noch eingegangen werden. Zunächst gilt es jedoch, sich dem Menschen und Dichter Kleist ein wenig anzunähern.


1.3  Erste Annäherung an den Menschen und Dichter Kleist


Kleists Briefe schwanken nicht selten zwischen extremen Stimmungspolen. Liest man gerade einen, aus dem mit großem Pathos tiefste Verzweiflung spricht, so kann man schon in einem der nächsten wieder auf Zeilen stoßen, aus denen wahre Euphorie flammt. Meist stehen diese unterschiedlichen seelischen Verfassungen im Zusammenhang mit den hochfliegenden Hoffnungen, die er in seine beruflichen oder künstlerischen Projekte setzt. Dabei erträumt er sich häufig schon im Voraus triumphale Erfolge, und wenn sich dann diese sicher geglaubten Siege in der Regel doch nicht einstellen, so ist die Niedergeschlagenheit gleichermaßen tief als das Ziel hoch war.

„Es erfüllt sich mir alles, ohne Ausnahme, worauf ich gehofft habe“.[22] Diesen optimistischen Ausruf schreibt Kleist im Oktober 1807 seiner Schwester Ulrike. Er spielt damit auf seinen neuesten beruflichen Plan an, zusammen mit einigen Bekannten eine Verlagsbuchhandlung in Dresden zu gründen – ein Vorhaben, das – zumindest in dieser Form – bereits im Ansatz scheitern wird. Der ,Phoebus‘ erhält erst gar keine königliche Lizenz.

„Ich bitte Gott um den Tod und Dich um Geld“[23] – diese Briefzeile an den Schwager markiert einige Jahre zuvor das endgültige Aus von Kleists Lebensentwurf, sich als Bauer in den Alpen niederzulassen. Er verfasst jene Worte der Niedergeschlagenheit als verkrachter Aussteiger in der Schweiz.

Auch wenn man so prägnant formuliert und zugleich elegant pointiert wirklich nur von einem Angehörigen angebettelt wird, wenn man einen echten Poeten in den eigenen Reihen hat, so wird sich der Empfänger über diesen bündigen Hilferuf trotz dessen stilistischer Raffinesse sicherlich nicht gefreut haben. Pannwitz, Ehemann von Kleists Schwester Auguste und Vermögensverwalter der Familie, war ein Mann mit Bodenhaftung. Ihn, der als Leutnant von seinem Status her so recht der kleistschen Familientradition – altes preußisches Militäradelsgeschlecht! – entsprach, erübrigte wenig Verständnis für die Selbstfindungsprojekte Kleists. Dieser könne doch ein ordentliches Amt bekleiden, wird er später einmal äußern; dichten könne er dann immer noch in den Stunden des Feierabends, wenn er denn schon das Bedürfnis habe.

Vergegenwärtigt man sich nun die krassen Stimmungsschwankungen des Poeten, hält man sich zudem vor Augen, wie sehr dieser bei seinen beruflichen Plänen häufig die Realität verkennt und mit welch großem Eifer er die meist nur kurzlebigen Projekte an sich reißt, so verwundert es nicht, dass ihn die Nachwelt immer wieder für einen psychisch Kranken gehalten hat bzw. für einen solchen zuweilen noch hält. Als manisch-depressiv oder sanguinisch-melancholisch wurde er manchmal bezeichnet; auch ein Phänomen, das jetzt wirklich in aller Munde ist, hat man in diesem Zusammenhang schon genannt. Nicht ohne Witz schreibt Hermann Kurzke: „Jemanden wie Heinrich von Kleist würde man heute in die Psychiatrie stecken. Schon als Kind sei er (...) ein nicht zu dämpfender Feuergeist gewesen – man hätte ihm heute das Zappelphilippsyndrom zugeschrieben, und Pillen gegen ADHS hätte er bekommen, um den krassen Wechsel zwischen Hyperaktivität und Depressivität ins Flussbett der Gewöhnlichkeit hineinzudämmen. Aber könnten wir dann dieses grandiose dichterische Werk bewundern?“[24] Der humorlose Einwand gegen solche Diagnosen ist leider durchaus berechtigt und lautet immer gleich: das Rückprojizieren moderner medizinischer oder psychologischer Begriffe auf frühere Zeiten ist sehr fragwürdig. Freilich hat man zudem auch manchmal den Verdacht, dass hierbei einfach gewisse Modekategorien über den Dichter gestülpt werden.

Ja, die Familie hatte es nicht leicht mit ihrem eigenbrötlerischen Sprössling. Nach dem frühen Tod beider Eltern, der noch genauer erwähnt wird, waren es vor allem die Nerven von (Halb-)Schwester Ulrike, die Kleist immer wieder strapazierte. Sie war aber die große Stütze in seinem Leben; erst gegen Ende seines Daseins kühlte dieses Verhältnis ab.

Immer wieder half sie dem Bruder mit Geld aus, obwohl sie mehr und mehr erkennen musste, dass es nichts brachte: seine beruflichen Vorhaben beeindruckten die Schwester zunehmend immer weniger, sie ahnte die bevorstehenden Misserfolge. Als ein vollmundiger „Ankündigungsakrobat“[25] und unverbesserlicher Luftschlossarchitekt schien er ihr zuletzt wohl, als ein Kandidat, dem man ohnehin nicht mehr trauen könne.

Für die Angehörigen Kleists wäre es sicher angenehmer gewesen, wenn dieser seine militärische Laufbahn nicht abgebrochen hätte; wie es dazu kam wird sich zeigen.

Wie wird Kleist von seinen Zeitgenossen als Mensch gesehen?

Er galt als verschlossen-melancholisch, aber auch als gesellig; man beschreibt ihn als liebenswürdig, aber auch als aufbrausend, jähzornig und cholerisch. Es findet sich viel Widersprüchliches in dieser Person.

Das Gleiche gilt für sein Werk: Im Zerbrochnen Krug ist beispielsweise der Richter zugleich der Schuldige; im Michael Kohlhaas wird der Titelheld aufgrund seines ausgeprägt starken Gerechtigkeitssinns zum Mörder;[26] im Prinzvon Homburg wird der Sieger einer Schlacht von seinem eigenen Kurfürsten, in einem übertragenen Sinn: von seinem eigenen Vater zum Tode verurteilt. Graf F. in der Marquise von O. ist einerseits Retter und andererseits Vergewaltiger der Titelheldin; außerdem erscheint er dieser erst als Engel, dann als Teufel. In Penthesilea zerfleischt die gleichnamige Amazonenkönigen in beispielloser Liebesraserei denjenigen, den sie liebt: Achilles. Sein Tod verweist auf den engen Zusammenhang von Liebe und Gewalt. Dies sind nur ganz wenige Exempel zahlreicher echt kleistscher Paradoxien, und eben diese Widersprüchlichkeiten waren es mitunter, die Goethe missfallen mussten; denn bei ihm wird „die gesunde Natur des Menschen gefeiert, wenn er als ein Ganzes wirkt – ,wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt‘“[27]. Kleists Figuren aber sind innerlich gespalten, zerrissen, zersplittert, und sie leben in einer gebrechlichen, ja in einer erbsündig gebrochenen Welt, über die sich keine ewigen Ideen mehr wölben und auf die kein unvergängliches überindividuelles Sittengesetz mehr strahlt; zwar schimmert zuweilen noch so etwas wie eine höhere Macht durch, zwar gibt es offenbar noch Götter: der Mensch weiß aber nicht mehr, was diese wollen; sie sind ihm unbegreiflich, denn er kann deren Zeichen – wenn überhaupt noch solche kommen – nicht mehr entschlüsseln. Und so gilt es für die kleistschen Helden, sich zu behaupten: auf brüchigem Grund in einer undurchschaubaren und verrätselten Daseinswirklichkeit, in zerrütteten familiären oder gesellschaftlichen Verhältnissen, die für eine gestörte Weltordnung stehen und die den Einzelnen häufig in eine Außenseiterposition drängen. Die Hauptfiguren suchen daher nicht selten Halt und Orientierung in der letzten Instanz eines innersten wie untrüglichen Gefühls[28], da sie der Verstand meist nur tiefer in das allumfassende Wirrwarr verstrickt; doch auch die Gefühle erweisen sich zuweilen als verwirrbar: sie sind offensichtlich auch nicht immer ein verlässliches Erkenntnisinstrument und helfen allenfalls nur manchmal als Kompass.

Gerade diesen Punkt betonen vor allem die seit etwa 1960 zunehmenden Positionen jener Literaturwissenschaftler, die gerne den durchaus wichtigen Aspekt unterstreichen, dass Kleist auch bis zuletzt auf eine gewisse Weise in der – insgesamt ja sehr verstandesbetonten – Aufklärung verwurzelt war. Einen plumpen Irrationalismus, der das Gefühl als sicheren „intuitiven Erkenntnisgrund“ oder als den einzigen „Anker der Existenz“[29] feiert, könne man ihm schon allein von daher nicht unterstellen. Denn keineswegs sei es so, wie es etwa früher der bereits erwähnte Gerhard Fricke behauptete, dass das kleistsche Gefühl „in seiner subjektiven Tiefe eine existentielle Wahrheit enthalte“[30], – eine Wahrheit, die einem die eigene Situation zu begreifen ermögliche und die einem gleichzeitig als zuverlässiger Leitfaden für ein richtiges Handeln dienen könne.

Es wird sich aber zeigen: im Rahmen seiner radikalen Erkenntniskritik stellt Kleist auch den Verstand bzw. die Verstandesgläubigkeit stark in Frage. Wie eben schon angedeutet, vermag es nach ihm auch die Ratio nicht, den Menschen vor fatalen Täuschungen und Illusionen zu bewahren. Im Gegenteil, sie führt zuweilen noch tiefer ins Reich der allumfassenden Konfusion. Man steht an dieser Stelle wirklich vor einem interessanten Phänomen: einerseits bleibt nämlich Kleist tatsächlich aufklärerischem Gedankengut bis an sein Ende treu. Auf seine Kirchen-, Religions- und Vorurteilskritik wird z. B. immer wieder glaubhaft hingewiesen. Man denke hier an den eben zitierten Gegenwartsgermanisten Jochen Schmidt. Andererseits ist jedoch auch die eben angesprochene Radikalität der kleistschen Erkenntniskritik nicht zu leugnen, und damit geht er gleichzeitig bereits über die Aufklärung hinaus. Es sind vor allem die Optimismen jener Epoche, die man in seinem Werk nicht mehr findet: etwa die Vorstellung von einem sinnvollen und harmonischen Kosmos, in dem sich der Einzelne gut aufgehoben fühlt, oder z. B. der Glaube, dass der Mensch vor Lebensaufgaben gestellt ist, die er rational angehen, begreifen und letztendlich auch bewältigen kann. Kleists eher pessimistisch-finster getrübte Weltwahrnehmung spricht sehr deutlich aus folgenden Zeilen, die er 1801 an die Verlobte richtet. Er philosophiert hier über das Leben: „Dieses rätselhafte Ding, das wir besitzen, wir wissen nicht von wem, das uns fortführt, wir wissen nicht wohin, das unser Eigentum ist, wir wissen nicht, ob wir darüber schalten dürfen, eine Habe, die nichts wert ist, wenn sie uns etwas wert ist, ein Ding, wie ein Widerspruch, flach und tief, öde und reich, würdig und verächtlich, vieldeutig und unergründlich, ein Ding, das jeder wegwerfen möchte, wie ein unverständliches Buch, sind wir nicht durch ein Naturgesetz dazu gezwungen es zu lieben?“[31]

In den Werken Kleists stößt man zudem auch nicht mehr auf das Humanitäts- und Heldenideal der Klassik, und wo in ihnen überhaupt noch die Möglichkeit einer Utopie aufleuchtet, da wird diese sogleich wieder bezweifelt: beim Anblick seines eigenen Grabes, das man ihm wegen seiner bevorstehenden Hinrichrichtung geschaufelt hat, packt den Prinzen von Homburg eine für jeden klassischen Heros undenkbare existentielle Todesfurcht; mit dem Nichts konfrontiert, erfasst ihn das blanke Entsetzen, und wimmernd fleht er bei der Kurfürstin um sein Leben: „Seit ich mein Grab sah, will ich nichts, als leben, / Und frage nichts mehr, ob es rühmlich sei!“ (V. 1003-1004)

Könnte man dann im Schluss dieses Dramas zunächst die geglückte Utopie einer Versöhnung zwischen Staat und Individuum erblicken (der vom Kurfürsten spät begnadigte Prinz wird trotz seines Fehltritts wieder als General eingesetzt), so setzt der Dichter hinter dieses augenscheinliche Happy End schließlich dennoch ein Fragezeichen. Denn mit einer der letzten Repliken verweist er diese Option einer harmonischen Gesellschaftsordnung wieder ins Reich der Träume, des Irrealen: „Ein Traum, was sonst?“ (V. 1856) – So lauten bekanntlich die berühmten Worte, kurz bevor der Vorhang fällt.

Der Glaube an ein schöneres und intakteres Diesseits, das sich etwa durch die moralische Integrität hoher Seelen verwirklichen ließe, ist bei Kleist aufgegeben. Bei ihm geht es hingegen immer wieder um das in seiner Existenz bedrohte Individuum, das die Welt nicht mehr als ein es beherbergendes Sinngefüge erfährt und das um den Erhalt der stets bedrohten Selbstgewissheit kämpft – wenn nicht gar um die Wiederherstellung der vernichteten. Kleist wirkt dadurch auch heute noch sehr aktuell: Der von Identitätskrisen gebeutelte moderne Mensch fühlt sich durch sein Werk angesprochen – der Mensch nach dem „metaphysischen Kollaps“ (Benn), der sich in transzendentaler Obdachlosigkeit einer sich zunehmend undurchschaubarer präsentierenden Realität preisgegeben weiß. Von daher werden diese paradoxiengesättigten Dramen und Erzählungen als „heutigem Empfinden entsprechend aufgefasst, als Ausdruck nämlich der höchst angefochtenen Stellung des einzelnen Menschen in einer Welt, der die globalen Erklärungsmodelle religiöser, philosophischer und gesellschaftlicher Provenienz abhanden gekommen sind, als Ausdruck dessen also, was die Existenzphilosophie die ,Geworfenheit‘ des Menschen genannt hat. Mit gutem Grund ist Kleist ein Lieblingsautor Franz Kafkas gewesen.“[32]

Die scheiternden und am Irdischen verzweifelnden kleistschen Gestalten „sind im Grunde nur verschiedene Abwandlungen jener schrecklichen Drohung, mit der Kleist das 19.“, 20. und 21.„Jahrhundert vorwegnimmt, der Drohung, daß Gott dem Menschen nicht mehr antwortet, daß er vor das Nichts gestellt ist, wo alle Antworten verstummen und daß der Mensch seines eigenen einmaligen Daseins in der Welt nicht mehr gewiß werden kann, weil alle Indizien zu Fehlurteilen, alle Wahrheiten zu Scheinwahrheiten, alle Gründe zu Abgründen werden.“[33]

Es ist also eine durchaus ungemütliche Wirklichkeit, auf die man hier trifft. Lange hat man die Auffassung vertreten, Kleist habe die von ihm dargestellte unheilschwangere Realität als eine rein von höheren Schicksalsmächten erzeugte bzw. von solchen durchwirkte aufgefasst. Seit man jedoch, wie eben gesagt, den Dichter wieder mehr als Aufklärer sehen möchte, hält man dieser Ansicht entgegen: für diesen sei „die äußere Wirklichkeit keineswegs eine unbegreifliche Schicksalsmacht, vielmehr diagnostiziert und problematisiert er sie als das historisch Gewordene und von Menschen Gestaltete.“[34]

Gerade auch der zweite Teil dieses Satzes enthält etwas unbestreitbar Zutreffendes. Denn mit seinem bereits angesprochenen analytischen Scharfblick für psychologische Vorgänge zeigt Kleist auch auf, wie verhängnisvolle Verhältnisse von gesellschaftlichen Institutionen bzw. einzelnen Personen derselben selbstverschuldet verursacht werden. So klärt etwa der tiefblickende Sylvester aus der Familie Schroffenstein seine stets mit Vorurteilen aufwartende Frau Gertrude über den Nährboden ihres falschen Denkens auf, über das Misstrauen nämlich, das ja in diesem Stück fatalste Prozesse auslöst:

Das Mißtraun ist die schwarze Sucht der Seele,

Und alles, auch das Schuldlos-Reine, zieht

Fürs kranke Aug die Tracht der Hölle an.

Das Nichtsbedeutende, Gemeine, ganz

Alltägliche, spitzfündig, wie zerstreute

Zwirnfäden, wirds zu einem Bild geknüpft,

Das uns mit gräßlichen Gestalten schreckt. (V. 518 ff.)

Doch freilich: auch dieser besonnene und vernunftgläubige Sylvester, so wird man noch sehen, scheitert letztendlich kläglich in einer völlig aus den Fugen geratenen Welt, und nicht selten sind es eben gerade die auf Rationalität bauenden Erkenntnisoptimisten, die Kleist immer wieder der Lächerlichkeit preisgibt – wie z.B. Amphitryon im gleichnamigen Lustspiel oder die Griechen in Penthesilea.

Natürlich ist mit diesen hingeschmissenen Skizzen noch nicht viel über diesen Dichter gesagt. Es ist auch gänzlich unmöglich, ein solch rätselhaftes Phänomen mit wenigen Sätzen zu charakterisieren. Die Probleme beginnen ja schon bei der literaturgeschichtlichen Verortung: Im Dunstkreis der Spätaufklärung aufgewachsen, wurde Kleist nicht nur vom Geist der deutschen Romantik, sondern auch vom hohen Atem der Weimarer Klassik angeweht. Zwar faszinierten ihn durchaus romantische Irrationalismen bzw. die Phänomenbereiche des Traums und des Unbewussten; zwar beeinflussten ihn andererseits Goethe und Schiller durch ihre klassischen Werke: letztendlich ging er jedoch literarisch eigene und ganz eigenwillige Wege. Welche Wege dies sind, soll mitunter auch die vorliegende Arbeit erhellen.

1.4 Überblick zu den folgenden Kapiteln

Vergegenwärtigt man sich all das bisher Dargelegte, so ergeben sich natürlich einige Fragen.

Warum z. B. verlief sein Leben so unruhig, so wenig linear? Warum bewegte es sich nicht in den konventionellen Bahnen? Wie kam es überhaupt dazu, dass er Dichter wurde? Welche konkreten Elemente enthalten nun seine Werke? Wodurch wirken diese so modern? Wie entstand sein – offensichtlich ja katastrophisch gefärbtes – Weltbild?

Die folgenden Kapitel möchten sich u. a. solchen Fragen ein wenig annähern. Sie sollen ein wenig Einblick in die biografischen Hintergründe vermitteln und Kleists geistige Entwicklung bis zu seinem ersten Drama Die Familie Schroffenstein nachzeichnen. Natürlich werden aber vorher auch schon andere Werke angesprochen. Es ist jedoch ein Allgemeinplatz in der Forschung, dass dieses 1802 in der Schweiz entstandene Stück bereits nahezu alle typisch kleistschen Motive und Themen enthält. Die intellektuelle Biografie des Dichters erfährt also bis zu diesem Zeitpunkt ihre wesentliche Entwicklung. In diesem Trauerspiel findet man – in Form des Erkenntnisproblems – den deutlichsten Niederschlag der in der Germanistik nicht unumstrittenen sog. Kant-Krise, in ihm stößt man auf das Sprach- und Identitätsproblem sowie auf Einflüsse von Rousseau. Auf all diese Aspekte wird eingegangen.

Zunächst aber empfiehlt es sich, eine biografische Hintergrundfolie auszurollen, die vor allem auch den familiären Kontext beleuchtet. Da die meisten hier zitierten Briefe Kleists an seine Halbschwester Ulrike gerichtet sind, soll auch ein Bild von ihr entstehen. Sie war, wie sich zeigt, seine wichtigste Vertraute. Da im Schlussteil auch noch einmal auf die schon angesprochene Kränkung, die Kleist von seinen Schwestern (darunter Ulrike) bei seinem letzten Familienbesuch erfuhr, eingegangen wird, ist ein kurzer Umriss – auch in Form von Anekdoten und Histörchen – dieser engen Geschwisterbeziehung sicherlich sinnvoll.

Von biografischen Aspekten aus bewegen sich die folgenden Kapitel über den Entwicklungsgang des kleistschen Denkens bis hin zu einzelnen Bezügen zum Werk, welche mit fortschreitender Länge des Textes immer mehr in den Vordergrund rücken sollen. Allerdings ist auch gleich anzumerken, dass man im Falle Kleist nur sehr vorsichtige Brückenschläge von seiner Biografie zu seinen Dichtungen riskieren darf. Seine Werke sind etwas fast nahezu ganz Eigenständiges, und man findet in ihnen kaum Türen zum Leben ihres Schöpfers. Umgekehrt verhält es sich ähnlich.

Die folgenden Kapitel bieten also biografische Hintergründe und verfolgen Kleists Weg zum Dichter, die Genese seines Denkens und die einiger seiner Motive und Themen. Es ist dies ein Weg, der sich als eine Art Entwicklungsgang zu einem modernen Ich auffassen lässt, was auch anhand zahlreicher Werkbeispiele aufgezeigt werden soll.

2 Hintergründe und familiärer Kontext

2.1 Später Stolz auf ein schwarzes Schaf

Wie eingangs schon angedeutet: wenn Kleist, statt Dichter zu werden, langfristig beim Militär geblieben wäre, so hätte er seinen damaligen Angehörigen wohl einen großen Gefallen getan.

Im Hinblick auf deren Nachfahren sieht das aber freilich etwas anders aus. Auch wenn es sehr lange dauert, bis man den außergewöhnlichen Vorfahren angemessen und mit Stolz anerkennt, verneigt man sich zuletzt dann doch mit Ehrfurcht vor ihm und seinem Lebenswerk: Am 21.11.1911, also genau an Kleists 100. Todestag, pilgerten viele Menschen an sein Grab am Wannsee und legten Kränze nieder, „einer mit weißseidenen Schleifen trug die Inschrift: ´Dem größten ihres Geschlechtes. Die Familie
Kleist´.“[35] Diese Begebenheit hält übrigens der eben erwähnte Franz Kafka, ein glühender Verehrer des Homburg-Dichters, für so bemerkenswert, dass er die Zeitungsmeldung darüber einige Tage später in sein Tagebuch notiert. Was hat ihn daran so interessiert oder gerührt? Sicherlich wusste er um den schweren Stand, den sein unglücklicher Kollege zeitlebens bei seinen Angehörigen hatte: Lange schämte man sich des eigenen Sprösslings wegen seines skandalumwitterten Selbstmords, der natürlich mit den bereits erwähnten christlichen Moralvorstellungen dieser Zeit unvereinbar war. Der erst Anfang des 20. Jahrhunderts so richtig einsetzende und bis heute immer wieder explosionsartig ansteigende Nachruhm war für die Familie lange nicht vorhersehbar. Nun kommt aber noch etwas ganz Entscheidendes hinzu: Nach dem sozialen Wertesystem bzw. Statusdenken einer solchen Militäradelsfamilie zählte ein Dichter ohnehin weitaus weniger als etwa ein Offizier, General oder gar Feldmarschall. Also selbst wenn es Kleist gelungen wäre, sich durchs Schreiben eine sichere Existenz aufzubauen, ja selbst, wenn er als Dramatiker und Erzähler zu Lebzeiten in der literarischen Öffentlichkeit eine wirklich ruhmvolle Rolle gespielt hätte, so wäre er deshalb von den Seinen noch keineswegs als der Größte des Geschlechts betrachtet worden. Über die Maßen interessant ist in diesem Zusammenhang ein Blick in eine Familienchronik, die ganze 76 Jahre nach Kleists Tod geschrieben wurde. Denn obwohl es hier in Bezug auf ihn heißt: „wohl zählt die Familie einen Dichter zu den Ihren, der die gigantische Gestaltungskraft eines Shakespeare besaß“, muss dieses Lob dennoch gegen jene verklärenden Worte verblassen, mit denen man einen gewissen Feldmarschall namens Friedrich Heinrich Ferdinand Emil von Kleist zu lichter Glorie emporhebt: „den Gipfel des Ruhms hat nur einer erstiegen, nur einer ein volles Mannesleben ausgelebt, ein Ganzes geschaffen: der Sieger der Schlacht von Kulm und Nollendorf“.[36] Man muss wohl heutzutage schon über äußerst detaillierte historische Bildung verfügen, um diesen Helden noch zu kennen, und genau hierauf verweist schon 1954 Thomas Mann in einem polemischen Passus, der zudem ganz vortrefflich zum nächsten Aspekt – Kleists Streben nach familiärer Anerkennung – überleitet: Niemand wisse doch mehr, schreibt er, „welche strammen Verdienste um Brandenburg sich die Majore und Generale von Kleist erworben haben, aber das weiß ich, daß es in Gottes weiter Welt nur einen Kleist gibt, und das ist er, der Dichter der Penthesilea, des Michael Kohlhaas und des einen Aktes von Robert Guiscard, der eben zu gut ist, als daß er überboten werden könnte und weitere vertrüge. Ein Quark wäre der Name Kleist ohne ihn, er aber meint, sein geniales Mühen geschehe für den Ruhm seiner Familie und ist von jedem Zeichen der Mißachtung getroffen.“[37]

2.2 Streben nach familiärer Anerkennung

Es kommt nicht von ungefähr, dass Thomas Mann im eben behandelten Zusammenhang Robert Guiskard etwas ausführlicher als die anderen Werke erwähnt. Zwar spricht Kleist immer wieder einmal sein Anliegen aus, seinen Geschwistern und Verwandten mit seinen Werken Ehre zu bereiten bzw. den familiären Ruhm durch Leistungen zu vermehren; mit welch brennendem Ehrgeiz er jedoch dieses Ziel verfolgte, zeigt sich nirgends so sehr wie im Kontext seines Ringens um die Vollendung eben jener geplanten Tragödie vom Herzog der Normänner. Mit diesem Stück will er es nun endlich allen zeigen, die ihn lieber im allgemeinen Gleis, in einem anständigen Beruf wissen würden. Freunde, Bekannte und vor allem die eigene Familie: alle mögen nun sehen, dass er deren Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern sogar überbietet – Erwartungen, die er leichtfertigerweise meist selbst erregt, was er hinterher grundsätzlich bereut. Der gescheiterte Versuch, sich als Bauer in der Schweiz niederzulassen, liegt bereits ebenso hinter ihm wie eine Reise nach Paris um willen angeblicher, aber tatsächlich nicht verfolgter Studienzwecke. Für seinen dramatischen Erstling, Die Familie Schroffenstein, der anonym erschienen und immerhin ein Achtungserfolg war, hatte er sich gegenüber seinen Angehörigen geschämt. Er war unzufrieden damit und
bat Ulrike sowie die Familie, die „elende Scharteke“[38] nicht zu lesen. Zudem hat ihm dieses Debüt auch finanziell kaum weitergeholfen. Nun aber mögen auch alle erkennen, dass er nicht nur ein seltenes Beispiel beruflicher Orientierungslosigkeit und ein planlos durch die Gegend reisender Taugenichts ist. Nun muss der dichterische Durchbruch her, der als großer Befreiungsschlag auch seine Geldnot beseitigen soll; denn sein kleines Vermögen ist aufgebraucht.

Was auch immer Deutschlands Dramenlandschaft an leuchtenden Werken bis dato aufweist, ob die von Goethe oder jene Schillers, alle sollen sie jetzt von seinem neuen Titanen-Werk überstrahlt werden, das ihn bereits im Frühjahr 1802 beschäftigt. Vor seinem Haus am Thuner See hat man ihn damals schon in dieser Sache ringen gesehen: unruhig hin- und hergehend und dabei eifrig mit den Armen fuchtelnd, deklamierte er Verse. Ihm schwebt ein hohes Ideal vor, er will Klassisches mit Modernem verschmelzen, er verlangt sich selbst ein absolutes Formbewusstsein ab, und eben dies wird ihn unendlich viel Kraft kosten. Der Inhalt sei mit wenigen Sätzen kurz umrissen: Vor Konstantinopel bricht im Heer der Normannen die Pest aus. Die Soldaten wollen ihren Herrscher Guiskard bitten, den dadurch aussichtslos scheinenden Feldzug gegen Byzanz aufzugeben und das Heer wieder nach Hause zu führen. Die unglaubliche Spannung entsteht in erster Linie dadurch, dass Guiskard lange nicht erscheint. Im Lager kursieren Vermutungen, dass auch ihr Oberhaupt infiziert ist. Dem ist auch so, doch der endlich Auftretende mimt vor seinen Männern den Starken und leugnet dies; er sieht sich kurz vor seinem großen Ziel – der Eroberung Konstantinopels – von einem Schicksal getroffen, das er nicht wahrhaben will. – Während der Ausführungsbemühungen dieses hochfliegenden Plans bittet Kleist seine Schwester Ulrike wieder einmal um Geld: „die Kunst und die Welt wird es Dir einst danken“, meint Kleist, und die finanzielle Zuwendung mache sie doch sicherlich gerne; schließlich diene ihm ja der Betrag nur zu dem erfreulichen Zweck, sich „den Kranz der Unsterblichkeit zusammen zu pflücken.“[39]

Das Dichten am längst zur Obsession gewordenen Guiskard wird begleitet von Stimmungsschwankungen zwischen Zuversicht und Selbstzweifeln. Er bekommt Angst. Es quält ihn der fürchterliche Gedanke, den Stoff künstlerisch vielleicht doch nicht bewältigen zu können. So kommt es auch. Nach langem Ringen verbrennt er 1803 das Fragment in Paris; später rekonstruiert er Teile desselben aus dem Gedächtnis. Das Eingeständnis seiner Kapitulation an Ulrike wirkt zunächst noch recht gefasst:

„Ich habe nun ein Halbtausend hinter einander folgender Tage an den Versuch gesetzt, zu so vielen Kränzen noch einen auf unsere Familie herabzuringen: jetzt ruft mir unsere heilige Schutzgöttin zu, daß es genug sei. Sie küßt mir gerührt den Schweiß von der Stirne, und tröstet mich, wenn jeder ihrer Söhne nur ebenso viel täte, so würde unserm Namen ein Platz in den Sternen nicht fehlen.“[40]

Kleist geizt hier freilich nicht mit Pathos. Dennoch spürt man, dass er wirklich seinem Familiennamen mit seinem Werk alle Ehre machen, dass er mit einer großen Tat den Ruhm des eigenen traditionsvollen Geschlechts mehren wollte.

Nur wenige Wochen später schildert er Ulrike erneut seine Guiskard-Niederlage, nur diesmal schlägt er ganz andere Töne an:

„Ich habe in Paris mein Werk, so weit es fertig war, durchlesen, verworfen und verbrannt: und nun ist es aus. Der Himmel versagt mir den Ruhm, das größte der Güter der Erde; ich werfe ihm, wie ein eigensinniges Kind, alle übrigen hin. Ich kann mich deiner Freundschaft nicht würdig zeigen, ich kann ohne diese Freundschaft doch nicht leben: ich stürze mich in den Tod.“[41]

Der hierauf folgende Selbstmordversuch scheitert jedoch: zwei Versuche von ihm, sich der – französischen! – Armee anzuschließen, um somit im Krieg den Tod zu finden, schlagen fehl. Er wird nach Preußen rückbeordert. Diese eben zitierten Briefzeilen zeigen jedoch u. a. auch, wie sehr der früh verwaiste Kleist an seiner wichtigsten Bezugsperson, an seiner Schwester Ulrike, hängt. Aufgewachsen ist er mit fünf Schwestern und einem Bruder – fast alles Menschen mit praktischer Alltagsvernunft. Später spielte dann auch der bereits erwähnte Schwager Wilhelm von Pannwitz als Vermögensverwalter der Familie eine zentrale verwandtschaftliche Rolle; auch er ist sehr geerdet. Schon in jungen Jahren klagt Kleist darüber, wie sehr es ihm innerhalb der eigenen Familie und Verwandtschaft an Verständnis für die ihn bewegenden Fragen fehlt. Vieles dreht sich eben ums Militär. Mit Ulrike aber kann er sich auch über Philosophie unterhalten, ihr Einfühlungsvermögen für den Bruder reicht für die damaligen Verhältnisse erstaunlich weit. Sie ist eine Tochter aus der ersten Ehe von Kleists Vater, und somit eigentlich nur eine Halbschwester des Dichters.

Robert Guiskard gilt heute übrigens als eines der gewaltigsten Fragmente der Literaturgeschichte. Die in ihm enthaltene dichterische Kraft erkannte damals bekanntlich Wieland.

2.3 Schwester und Mannweib Ulrike

In einem Brief vom Juli 1801 erzählt uns Kleist von einer steinernen Figur, die er einmal zusammen mit seiner Schwester Ulrike in Kassel gesehen hat, einem Satyr, der durch die Bewegung des Wassers ein schönes Lied flötete. Er selbst habe andächtig gelauscht, sie hingegen nur gefragt, wie das technisch funktionieren könne.[42]

Kleist stellt hier seine Schwester ein wenig als Banausin dar: Statt sich von den angenehmen Tönen in die Sphären der Musik entführen zu lassen, richtet sich ihr Sinn nur auf die physikalischen Gesetze der profanen Realität. Ihn stört, dass Ulrike so geerdet, praxisorientiert und nur den nüchternen Anforderungen der Alltagswirklichkeit zugewandt ist, dass sie dann besonnen reflektiert, wenn ihr das Herz schlagen sollte, und sie es somit an allen Antennen für die Genüsse der Künste fehlen lässt. Ganz in diesem Sinne lästert er über die Schwester im gleichen Brief weiter: „Einst sagte sie, sie könne nicht begreifen, wie üppige Gedichte, oder Malereien reizen könnten.“[43]

Aber den Bruder wurmen nicht nur ihre Unempfänglichkeit fürs Schöne und ihre rationale Bodenhaftung, sondern auch die starken männlichen Züge in ihrem Naturell und Auftreten. Besser: ihn irritiert die sonderbare Halbheit, in der seine Schwester zwitterhaft zwischen den beiden Geschlechtern hin und her pendelt. Sie begleitet ihn häufig in Männerkleidern (z.B. in eine Vorlesung in Leipzig und in ein öffentliches Konzert in Paris), sie gibt sich immer vital und stark, ist zupackend sowie unerschrocken. Diesem zusätzlichen Missfallen verleiht Kleist vielleicht auch ein wenig in der Anekdote vom wasserbedingt musizierenden Satyr Ausdruck, zumal man Ulrikes Interesse für den technischen Mechanismus des Flöt-Vorgangs nicht unbedingt als einen primär weiblichen Zug betrachten muss.

Deutlicher sprechen jedoch folgende Worte: „O es gibt kein Wesen in der Welt, das ich so ehre wie meine Schwester. Aber welchen Missgriff hat die Natur begangen, als sie ein Wesen bildete, das weder Mann noch Frau ist, und gleichsam wie eine Amphibie zwischen zwei Gattungen schwankt?“ Er nennt sie eine „Heldenseele in einem Weiberkörper“, die zu größten Taten fähig ist, „ein Wesen, das von dem Weibe nichts hat, als die Hüften“, und an dem ein „Widerstreit von Wille und Kraft“ auffällt. Etwas genauer charakterisiert er sie anhand von kleineren Erlebnis-Histörchen: „Vor Töplitz fuhren wir mit einem anderen beladenen Wagen so zusammen, dass wir weder vor noch rückwärts konnten, weil auf der anderen Seite ein Zaun war. Der Zaun, rief sie, muss abgetragen werden...der Vorschlag war eines Mannes würdig. Sie aber ging weiter, und legte, ihr Geschlecht vergessend, die schwache Hand an den Balken, der sich nicht rührte – Mitten in einer großen Gefahr auf einem See bei Fürstenwalde, wo die ganze Familie im Nachen dem Sturme ausgesetzt war, und alles weinte und schrie, und selbst die Männer die Besinnung verloren, sagte sie: kommen wir doch in die Zeitungen – Mit Kälte und Besonnenheit geht sie jeder Gefahr entgegen... – Unerschütterte Ruhe scheint ihr das glücklichste Los auf Erden.“[44]

Manche der hier beschriebenen Züge Ulrikes vergleicht man auch immer wieder mit einigen der ebenfalls zupackenden und unerschrockenen Penthesilea, der Titelheldin von Kleists gleichnamiger Tragödie; doch sicherlich verrät die Figur der Amazonenkönigen wohl noch mehr vom Wesen ihres Schöpfers selbst. Die unglaubliche Gestaltungskraft, mit der in diesem Stück der Autor weiblichem Begehren und weiblicher Leidenschaft Ausdruck verleiht, verleitet häufig zu der Vermutung, dass auch er – auf andere Weise wie die Schwester – etwas Zwitterhaftes an bzw. in sich habe. Mancher sieht ihn als Homosexuellen – nicht zuletzt wegen eines stark homoerotisch gefärbten Briefes an seinen Freund Pfuel –, was aber freilich rein spekulativ ist. Wie auch immer: es mag schon sein, dass ihn das Amphibische an Ulrike auch deshalb so störte und irritierte, weil es ihn an eigene Probleme, die er vielleicht im Hinblick auf seine männliche Identität hatte, auf unangenehme Weise erinnerte. „Ist Ulrike ein Mann-Weib, wie er sagt, dann ist er ein Weib-Mann.“[45]

Dennoch gibt es zwischen den beiden Geschwistern natürlich klare charakterliche Unterschiede, die mit dem bisher Gesagten schon teilweise angedeutet sind: Ulrike konnte vernünftiger mit Geld umgehen, handelte planvoller und schätzte die Möglichkeiten des Machbaren weitaus realistischer ein als ihr Bruder. Aber auch ihr Leben verläuft in einer unkonventionellen Bahn: Sie wird – wie Kleist auch – nie heiraten; es ist die Folge ihrer eigenen Entscheidung.

Sie wird, wie oben schon angesprochen, ihren Bruder immer wieder finanziell und seelisch unterstützen. Während dieser in französischer Kriegsgefangenschaft ist, kümmert sie sich um seine Freilassung; als dieser – gesundheitlich angeblich und wirtschaftlich tatsächlich am Ende – verzweifelt aus der Schweiz schreibt, reist sie sogleich in die Alpen, um ihn abzuholen. Dies sind nur wenige Beispiele.

Im Hinblick darauf, dass Ulrike ihn zuweilen in Männerkleidern begleitet, darf man sich Kleist übrigens nicht gar zu humorlos vorstellen. Immerhin dürfte dies damals sicherlich nicht in allen Kreisen auf großes Verständnis gestoßen sein. In Berlin etwa tragen um diese Zeit nach einer Auskunft Achim von Arnims „nur die ärgsten Huren männliche Kleider“.[46]

Auch in Paris läuft Ulrike häufig in Herrentracht herum; einmal kommt es deshalb zu einer Peinlichkeit. Die beiden besuchen ein Konzert des blinden Flötenspielers Dülon, eines brandenburgischen Landsmanns. Bei den Publikumsgästen im Saal geht Kleists Begleiterin aufgrund ihres Aufzugs ohne weiteres als Mann durch, niemand erkennt ihr wahres Geschlecht. Dann, nach beendeter Vorstellung, umringt man den Musiker und macht ihm Komplimente. Auch Ulrike sagt ihm etwas Nettes. „Das feine Ohr des Blinden erkannte sofort den weiblichen Ton der Stimme; seine Erwiderung lautete: ,Madame, ich danke Ihnen für so viel Nachsicht und Güte.‘ - Allgemeine Verblüffung der Anwesenden, welche nun die verkleidete Fremde mit neugierigen Blicken musterten, sich untereinander Bemerkungen in die Ohren zischelten, so dass Ulrike am Arm des Bruders nicht schnell genug den Ausgang erreichen konnte.“[47]

Die obigen Lästereien über die Schwester schreibt Kleist übrigens während ihrer gemeinsamen Paris-Reise, die Worte entstehen kurz vor der Ankunft in der Metropole. Da die beiden während der Hinfahrt immer eng aneinander kleben, sind natürlich Gereiztheiten vorprogrammiert. So kommt es immer wieder zu kleinen Streitereien, und von daher ist es sicherlich ein wenig nachvollziehbar, dass Kleist in einem Brief ein wenig Luft ablässt, dass er seinen Ärger über die ständige Begleiterin schriftlich ventiliert. In Paris dann wird sie ihm beispielsweise übertriebenen Konsum von Bier vorwerfen, einem „Getränk, das nach Immanuel Kants Beobachtung ,träumerisch verschlossen‘, ,weichmütig oder gar andächtig oder gar stumm‘ mache.“[48] Ulrike sieht im Trinken den Auslöser für Kleists Schwermut, was diesem als Erklärung „allzu materialistisch“[49]und somit wohl gar zu monokausal und gar zu plump scheint. Die Schwester enerviert ihn. Zudem hatte die Philosophie von eben diesem Kant – oder eine, aus dessen Umkreis – erst kürzlich sein beruhigendes Weltbild zerstört. Welches?

3 Kleists intellektuelle Entwicklung und sein Weg zur Dichtung

3.1 Aufbau eines rationalistischen Weltbilds

Kleist wird im Alter von 14 Jahren als Gefreiter-Korporal ins Regiment Garde zu Potsdam aufgenommen. Er ist bereits Halbwaise: sein Vater starb vier Jahre zuvor schon an der Wassersucht. Acht Monate nach dem Eintritt ins Militär, der nach Kleists späterer und rückblickender Beurteilung eine Zeit von „sieben unwiederbringlich verlornen Jahren“[50] einläutet, wird seine Mutter einem Entzündungsfieber erliegen. Der somit früh elternlos gewordene Unteroffizier lernt in den Kämpfen des Ersten Koalitionskrieges gegen Frankreich alsbald die Schrecken des Krieges und jene Beliebigkeit kennen, die in den Schlachten häufig über Leben und Tod entscheidet. Kurz vor seinen achtzehnten Geburtstag fällt dann ein Ereignis, das ihn
sicherlich auch nicht ganz unberührt lässt: „infolge hochgradiger Schwermut“[51] erschießt sich sein fast gleichaltriger Vetter Carl, mit dem er früher gemeinsam am Privatunterricht im eigenen Frankfurter Elternhaus teilnahm. Nach einer sehr fragwürdigen Überlieferung hätten Kleist und sein ehemaliger Lerngenosse angeblich schriftlich vereinbart, sich jeweils das Leben zu nehmen. Sollte an diesem Gerücht etwas dran sein, könnte er den Suizid des Cousins als eine Art Wink verstanden haben. Aber trotz seiner bis dato mitunter auch wenig erbaulichen Erfahrungen: zu diesem Zeitpunkt hätte er wohl von einer solch abenteuerlichen Abmachung rein gar nichts mehr gewusst haben wollen. Nun mögen zwar die frühen Schicksalsschläge Kleists Verlangen nach einem Sicherheit stiftenden und sogleich zu entfaltenden Weltbild durchaus ein wenig erklären, bis auf die Grundmauern haben sie sein Vertrauen in Welt und Leben bis dahin keineswegs erschüttert. Denn damals dominierten bei Kleist durchaus noch Lebenslust und Wissensdurst, Verlangen nach Bildung, Freundschaft sowie Glück.[52]

Schon während der Belagerung von Mainz begleitet ihn mit Wielands Sympathien eine Lektüre, die so recht auf ein junges entzündliches Gemüt zugeschnitten ist, das wie er nach großen Gefühlen, Wärme und Gemeinschaft sowie nach genereller geistiger Orientierung schmachtet. Das Buch bewegt sich zwischen Aufklärung und Empfindsamkeit, handelt mitunter von der Urverwandtschaft liebender Seelen, und letztendlich laufen Wielands Lehren auf „Liebe als Seligkeit in der Tugend, auf die Apotheose ,göttlicher Wahrheit‘ sowie den praktischen Rat ,Habe Muth, deinen Lehrern nachzueifern‘“[53] hinaus. Kleist ist begeistert; er liest diese Schrift unter dem Eindruck von Naturerlebnissen in der Rhein-Main-Landschaft, - ein Gesamterlebnis, das er Jahre später verklären wird.

Auch lernt Kleist beim Militär seine ersten Freunde kennen, mit denen er wandert und musiziert. Zusammen mit ihnen widmet er sich auch verstärkt der Mathematik und Philosophie, mehr oder weniger autodidaktisch.

Man kann also keineswegs behaupten, dass sich seine Psyche während des Soldatendiensts immer nur zutiefst verschattete und dass ihm diese Zeit von Anfang an nichts als schrecklich war. Denn zunächst deutet kaum etwas auf einen Abbruch der ihm vorgeschriebenen Bahn hin; im Stile eines echten soldatischen Haudegens hatte er noch im März 1793 während der bevorstehenden Belagerung von Mainz an seine Tante geschrieben: „Die Franzosen oder vielmehr das Räubergesindel wird jetzt allerwärts geklopft.“[54]

Bereits zwei Jahre später jedoch – nach den Eindrücken von der Schlacht bei Pirmasens und der von Lautern sowie den Gefechten bei Trippstadt – schreibt dann der etwas reifere junge Mann: „Gebe uns der Himmel nur Frieden, um die Zeit, die wir hier so unmoralisch töten, mit menschenfreundlicheren Taten bezahlen zu können!“[55] Aus diesen Worten an Ulrike spricht schon deutlich der Geist der Aufklärung, das Ideal der Menschenliebe, und sicherlich auch Einflüsse Wielands; ihn fasst er ja regelrecht als seinen Lehrmeister auf. An seinen Sympathien fasziniert ihn vor allem auch der Gedanke der Selbstvervollkommnung. Eben diesen Gesichtspunkt erläutert er u. a. auch später noch einmal, als er 1801 seiner Verlobten Wilhelmine von seinem damaligen Lektüre-Erlebnis erzählt: „schon als Knabe (mich dünkt am Rhein durch eine Schrift von Wieland)“ habe er sich „den Gedanken angeeignet, daß die Vervollkommnung der Zweck der Schöpfung wäre. Ich glaubte, daß wir einst nach dem Tode von der Stufe der Vervollkommnung, die wir auf diesem Sterne erreichten, auf einem andern weiter fortschreiten würden (...). Aus diesen Gedanken bildetet sich so nach und nach eine eigne Religion, u das Bestreben, nie auf einen Augenblick hienieden still zu stehen, u immer unaufhörlich einem höheren Grade von Bildung entgegenzuschreiten, ward bald das Prinzip meiner Tätigkeit. Bildung schien mir das einzige Ziel, das des Bestrebens, Wahrheit der einzige Reichtum, der des Besitzes würdig ist.“[56]

Diese Weltanschauung des frühen Kleist hat entschieden eine moralische Dimension, sie läuft auf eine sittliche Vervollkommnung hinaus und lässt sich mit einfachen Worten in etwa so umschreiben: Der Weg zum Glück führt notwendig über die Tugend, da nur der Anblick der eigenen inneren moralischen Schönheit wirklich glücklich macht. Um aber zu wissen, was tugendhaft ist, muss man auch die Wahrheit kennen, muss man einsehen können, was wahr und was falsch ist. Denn nur weil beispielsweise etwas als moralisch geboten gilt,heißt das noch lange nicht, dass etwas aus der höheren Perspektive der Wahrheit betrachtet auch tatsächlich moralisch geboten ist. Durch ein unnachgiebiges Streben nach Bildung aber gelangt man stufenweise zur Wahrheit, zur Tugend und zum Glück. Dadurch, dass man auf die im Diesseits erlangte Bildung und die gesammelten Wahrheiten auch nach dem Tode, im nächsten Leben, auf einem neuen Stern immer wieder aufbauen kann, hat Kleists damalige Philosophie natürlich eine entschieden transzendente Dimension.

Es handelt sich hierbei ganz offensichtlich um ein sehr komfortables und beruhigendes Weltbild, das wohl in erster Linie Immunität gegen äußere Schicksalsschläge verleihen soll. Dieses Sicherheitsbedürfnis ist sicherlich auch auf die oben schon erwähnten negativen Erlebnisse der kleistschen Kindheit und frühen Jugend zurückzuführen. Wem sich die Welt bereits so zeitig als eine derart brüchige, augenscheinlich von Schicksal und Zufall regierte Veranstaltung präsentiert, dem steht der Sinn natürlich alsbald nach verlässlichem Halt.

Wer aber so von dem Gedanken einer allgemeinen moralischen Selbstverwirklichung durchdrungen ist, der muss früher oder später Probleme innerhalb der preußischen Armee bekommen, denn als frei denkendes Individuum, als welches sich Kleist nun empfindet, missfallen einem natürlich alsbald der dort verlangte blinde Gehorsam. Und so stoßen ihn denn auch zunehmend Drill, Disziplin, Stupidität und mitunter auch die oftmalige Monotonie des Soldatenstands ab. Oft gerät er in den Zwiespalt, dass er nicht weiß, „ob er als Mensch oder als Offizier handeln“ muss, und überhaupt erscheint ihm das ganze preußische Militär mehr und mehr als „das lebendige Monument der Tyrannei“.[57]

Kleist bittet um seinen Abschied und erhält ihn auch. Er will um der Bildung und Wahrheit willen studieren.

Die Familie hält das für ein Hirngespinst, es fehle gänzlich die berufliche Perspektive. So sieht es auch der Vormund, der aber letztendlich – erstaunlich genug – einwilligt. Außer seinen Privatlehrer Martini hatte er zuvor auch noch Ulrike in seine unkonventionellen Pläne eingeweiht. Da man ja nicht vom Zufall erwarten könne, dass er einen zum Glück führe, beabsichtigt er schon bald, sich einen vernunftorientierten Lebensplan zu erstellen.

3. 2 Der allmähliche Einsturz eines Weltbilds

3.2.1 Erste Zweifel

Im April 1799 wird Kleist an der Universität Frankfurt (Oder) immatrikuliert. Er besucht Kollegs über Philosophie, Mathematik, Physik, Kulturgeschichte, Naturrecht und frischt seine Lateinkenntnisse auf. Das eigentlich zwei Jahre in Anspruch nehmende Grundstudium möchte er in nur einem Jahr absolvieren, um danach sogleich in Göttingen Philosophie, Mathematik und Höhere Theologie zu studieren. Er hat jetzt keine Zeit mehr zu verlieren.

Ein aufs berufliche Fortkommen, auf einstige Einkommenssicherheit angelegtes sog. Brotstudium – wie es die Familie von ihm erwartet – zieht er nicht in Betracht. Derlei Nützlichkeitserwägungen dürfen für ihn, der seine wahre Bestimmung sucht und sich durch Bildung vervollkommnen will, jetzt natürlich keine Rolle spielen. Er braucht nun Einsicht in die Beschaffenheit der Natur, um daraus moralische Normen ableiten zu können; er braucht nun auch Einblick in die Struktur seines eigenen Wesens, denn nur so kann er ergründen, wofür er seinen Anlagen und Talenten nach prädestiniert ist in dieser Welt. Die von seinem Vormund vorgeschlagenen Disziplinen Jura und Wirtschaftslehre eignen sich da schon rein inhaltlich weit weniger als etwa die eben genannte Höhere Theologie; denn in diesem Fach wird beispielsweise von einer einsehbaren Zweckordnung der Natur ausgegangen, und aus eben einer solchen sinnvollen Ordnung oder Geordnetheit der Dinge möchte ja Kleist Aufschlüsse und Anleitungen für sein sittliches Handeln herausdeuten. Zudem verlangt eine derart rigorose Selbstverwirklichungsabsicht, wie er sie hegt, von Haus aus eine freie Auswahlmöglichkeit im Hinblick auf die jeweiligen Studieninhalte; denn schließlich hatte er schon kurz vor seinem Austritt aus dem Militär, was seine Freiheit anbelangt, wirklich jegliche Kompromissbereitschaft über Bord geworfen.

Die Trockenheit seiner an der Universität mit Eifer betriebenen Studien bereitet ihm aber schon alsbald Einsamkeit und emotionale Verarmung: „Bei dem ewigen Beweisen und Folgern verlernt das Herz fast zu

fühlen; und doch wohnt das Glück nur im Herzen, nur im Gefühl, nicht im Kopfe, nicht im Verstande.“[58]

Hier klingt bereits Rousseau an, der häufig auch als Philosoph des Gefühls betrachtet wird.

Zunächst setzt Kleist aber weiterhin auf seinen vernunftorientierten Lebensplan und strebt nach Selbstvervollkommnung. Er besucht Vorlesungen in Experimentalphysik, und zwar bei seinem ihn stark beeindruckenden und beeinflussenden Lieblingslehrer Dr. Wünsch, einem rationalistischen Populärphilosophen.

Bei ausgiebigen Spaziergängen mit seinen Schwestern und den Nachbarstöchtern aus dem Hause Zenge rekapituliert er dann öfters Inhalte aus den Wünsch-Vorlesungen vor seinen durchaus neugierigen und interessierten Begleiterinnen.

Er liest den aufgeschlossenen Mädchen auch Dichtungen vor, gibt ihnen Aufgaben, belehrt sie in deutscher Grammatik und korrigiert von ihnen verfasste Aufsätze.

Bei diesen Auftritten als Quasi-Privatlehrer lernt er nun auch Wilhelmine, die Tochter des Generals von Zenge, etwas näher kennen. Ihr macht Kleist alsbald einen Heiratsantrag, aber sie lehnt ab: sie liebe ihn nicht, empfinde ihm gegenüber vorwiegend freundschaftlich. Er wirbt jedoch mit schier nie versiegenden Energien so lange weiter, bis Wilhelmine schließlich einwilligt. Ihre Eltern hingegen wollen dieser Verbindung erst dann endgültig zustimmen, wenn der junge Mann ein Amt bekleidet – eine Bedingung, die den erst kürzlich in die goldene Unabhängigkeit Eingetretenen vor ein ernstes Dilemma setzt: entweder eine Frau ohne Freiheit oder eine Freiheit ohne Frau!

In ihm entstehen nun einander widerstreitende Antriebskräfte, Entscheidungsschwierigkeiten, Unsicherheiten darüber, was es gegenwärtig zu tun gilt, was nicht. All dies sind schon deutliche Vorboten, ja bereits Symptome, eines Identitätsproblems: Wer ist er? Wo ist sein Platz in dieser Gesellschaft, was ist – metaphysisch gesehen – seine eigentliche Bestimmung? Sollte er deshalb den gewagten Abbruch seiner militärischen Laufbahn riskiert haben, um nun auf Dauer in den profanen Alltagspflichten eines Beamten gefangen zu sein? Welches Amt sagt ihm überhaupt zu? Gerät sein ganzes Leben nicht möglicherweise zu einer Art Themaverfehlung, wenn er unüberlegt eine falsche Berufsrichtung wählt? Zudem lassen seine damaligen Briefe auch auf einen anderen und vielleicht noch elementareren Zweifel schließen: Liebt ihn Wilhelmine überhaupt? Noch scheinen ihm weder die eigene Vernunft noch die Gesetze der Natur, weder sein rationalistischer Lebensplan noch die Zeichen der Welt verlässliche Anweisungen bzw. eindeutig lesbare Orientierungshilfen zu geben. Er empfindet sein Ich vermutlich nicht gerade als Einheit, sondern als etwas Widersprüchliches und Zersplittertes.

Gegenüber der Verlobten verkündet er im Frühjahr 1800 seinen angeblichen Entschluss, ein Amt zu bekleiden; er wisse jedoch noch nicht, für welches er sich bilden solle. Das Finanzfach etwa komme zwar für ihn durchaus in Frage, obwohl ihm freilich „der Klang rollender Münzen eben nicht lieb und angenehm“[59] sei. Auch eine Laufbahn als Gelehrter ziehe er als seinen Talenten gemäß in Betracht, wenngleich auch ein akademisches Amt nicht unbedingt die prächtigste Position darstelle; und so regieren ihn beim Überdenken der einzelnen verschiedenen Möglichkeiten letztendlich immer wieder Einwände, Bedenken und Abergeister. Dennoch bricht er im Sommer 1800 nach drei Semestern sein Studium ab. In Berlin kommt es zu Gesprächen über seine berufliche Zukunft, und zwar mit dem preußischen Minister für Akzise-, Zoll-, Kommerzial- und Fabrikwesen. Danach startet er sogleich eine bis heute noch ganz und gar mythenumrankte Unternehmung: zusammen mit seinem Freund Brockes bricht Kleist plötzlich nach Würzburg auf, ohne Wilhelmine oder Ulrike ein konkretes Motiv hierfür zu nennen. Im Gegenteil: Er hüllt diese Aktion in wirklich alle Nebel des Mysteriösen und verlangt absolutes Vertrauen in dieser Sache; die Reise diene einem hohen Zweck, den er zwar jetzt noch nicht nennen könne, der ihn aber erst ehetauglich machen würde – und dergleichen geheimnisvolle Anspielungen mehr. Die Forschung hat sich bis in die Gegenwart immer wieder den Kopf über den Sinn dieser Reise zerbrochen: Hat er sich operativ eine Vorhautverengung beheben lassen? Suchte er Anschluss bei einer Freimaurer-Gruppe? Oder war er gar als Spion für den Preußischen Staat unterwegs? Man weiß es nicht genau. Möglicherweise wollte der Entscheidungsunfreudige durch diese Flucht auch einfach nur ein wenig Bedenkzeit hinsichtlich seiner Zukunftsplanung gewinnen. Jedenfalls bringt dieses ganze Würzburg-Unterfangen sein ganzes rationalistisches Weltbild ein bisschen mehr ins Wanken, nicht zuletzt durch seinen Reisebegleiter Brockes, den er in Briefen an die Verlobte enthusiastisch als einen absolut altruistischen, also vollkommen selbstlosen, Menschen stilisiert und feiert. Eben dieser Brockes aber hält nicht viel vom Verstand; seine Devise lautet vielmehr: „Handeln ist besser als Denken!“ – ein Spruch, der Kleist beeindruckt und der sich später auch in seinem Werk niederschlägt. Sein Kätchen, wird er bald feststellen, sei „eben so mächtig durch gänzliche Hingebung“ wie Penthesilea „durch Handeln.“[60]

Was aber Kleists Selbstfindungsbemühungen anbelangt, lässt sich aus der Würzburger Zeit eine neue Tendenz ablesen: die Briefe während dieser Phase können durchaus schon als Vorübungen zum dichterischen Werk betrachtet werden, wenngleich er hier noch nicht von der Absicht spricht, Dichter werden zu wollen. Vermutlich hat sich Kleist zu dieser Zeit tatsächlich eine Art „Ideenmagazin“ – er spricht mehrmals von einem solchen – zugelegt, in das er geistreiche Einfälle, scharfsinnige Beobachtungen, brillante Wendungen und gelungene Formulierungen niederschreibt, um sie – gleichsam als Versatzteile – mehrmals zu verwenden: so schildert er z.B. den Main bei Würzburg mit fast den gleichen Worten wie ein Jahr später den Rhein bei Mainz; auch die Elbe bei Dresden poetisiert er ganz ähnlich, und in allen Fällen handelt es sich um Briefpassagen an jeweils unterschiedliche Empfänger, denen er diese Naturbeschreibungen allesamt als soeben frisch empfangene Eindrücke verkauft und serviert. Diese Dokumente zeugen aber von einer großen Lust am Schreiben, durch das er mittels seiner unglaublichen Fantasie prächtige Wirklichkeiten erzeugt, prächtigere als er sie in der Realität tatsächlich vorfindet. Wahrscheinlich beabsichtigt er während der Würzburger Reise eine künftige Existenz als populärwissenschaftlicher Schriftsteller, wofür auch seine damals zahlreichen Versuche sprechen, die Natur nach sinnreichen Botschaften und Weisheiten auszudeuten. Entsprechend überträgt er symbolisch das Bild vom strömenden Wasser auf sich selbst: der Fluss bahnt sich trotz aller Hindernisse unbeirrbar seinen triumphalen Weg.[61] Hierin spiegelt sich wieder der kleistsche Gedanke, durch genaue Beobachtung der Natur Erkenntnisse finden zu können, in diesem Fall jene tröstliche, dass auch er den siegreichen Pfad seiner Bestimmung finden werde. Seine Weltanschauung ist also noch keineswegs zusammengebrochen.

Dies zeigt auch seine vernunftgläubige Begründung, mit der er nach der Rückkehr von Würzburg nach Berlin seiner Verlobten darlegt, warum er nun doch kein Amt annehme: „Ich will kein Amt nehmen. Warum will ich es nicht? – O wie viele Antworten liegen mir auf der Seele! Ich kann nicht eingreifen in ein Interesse, das ich mit meiner Vernunft nicht prüfen darf. Ich soll tun was der Staat von mir verlangt, und doch soll ich nicht untersuchen, ob das, was er von mir verlangt, gut ist. Zu seinen unbekannten Zwecken soll ich ein bloßes Werkzeug sein – ich kann es nicht. Ein eigner Zweck steht mir vor Augen, nach ihm würde ich handeln müssen, und wenn der Staat es anders will, dem Staate nicht gehorchen dürfen.“[62]

Diese stark an Kants berühmte Schrift Was ist Aufklärung? – „Habe Mut dich deines Verstandes zu bedienen!“ – erinnernde Argumentation überzeugt die Verlobte wenig. Auch Kleists weitere Visionen einer gemeinsamen Zukunft begeistern sie keineswegs: Er, dem ja „das ganze schriftstellerische Fach offen“ stehe und der über „seltenere Fähigkeiten“[63] verfüge, könne sie mit seinen Werken schon bald ernähren, zunächst möge sie mit ihm nach Frankreich gehen, wohin er etwa als Dozent die neueste Philosophie verpflanzen könne, und überhaupt solle sie ihm noch sechs Jahre Zeit für seine sicheren Pläne geben – so in etwa lauten seine Angebote hinsichtlich der gemeinsamen Zukunftsperspektiven.

In den Wintermonaten 1800/01 macht Kleist jedoch noch weitere Erfahrungen in Berlin, die an seinem Bildungs- und Wissenschaftsideal rütteln. Im Hinblick auf sein Werk, dem sich nun mehr und mehr angenähert werden soll, sind diese von besonderem Interesse.

3.2.2 Sprachskepsis

An Ulrike schreibt Kleist aus Berlin: „gern möchte ich Dir alles mitteilen, wenn es möglich wäre. Aber es ist nicht möglich, und wenn es auch kein weiteres Hindernis gäbe, als dieses, daß es uns an einem Mittel zur Mitteilung fehlt. Selbst das einzige, die Sprache taugt nicht dazu, sie kann die Seele nicht malen, und was

sie uns gibt, sind nur zerrissne Bruchstücke.“[64]

Diese Unzulänglichkeit der Sprache, von der er hier spricht, untergräbt natürlich ebenfalls seinen bisherigen Glauben an das Wissenschaftsideal. Denn schließlich ist die Sprache ja ein Instrument, dessen sich der wissenschaftliche Verstand bedient, um Phänomene einzuordnen, zu benennen und präzise zu beschreiben. Da vor allem Letzteres offensichtlich nicht zu gelingen scheint, da die Sprache nur mehrdeutige Fragmente einer Sache vermittelt, so kann es wohl mit eben diesem wissenschaftlichen Verstand, ja mit dem Verstand überhaupt, doch nicht so weit her sein. Das Sprachproblem hängt also auch mit dem Erkenntnisproblem zusammen, das später noch und im Kontext der sogenannten Kantkrise beleuchtet wird.

Worum es Kleist in diesem Zusammenhang aber geht, ist nicht nur das Versagen der Sprache in ihrer kognitiven Funktion. In obiger Briefstelle geht es vor allem um die bittere Unmöglichkeit, „die Totalität der individuellen Gefühls- wie Gedankenwelt ganzheitlich durch Worte mitzuteilen. Leidenschaften, dynamisch-vitale Vorgänge, komplexe Verfahren der eigenen Identitätsbildung erstarren im Wort, in dem das Fremde die eigenen Empfindungen gewaltsam überlagert.“[65] In diesem Sinne klagt er auch gegenüber Ulrike: „Ich weiß nicht, was ich Dir über mich unaussprechlichen Menschen schreiben soll.“ Diese sprachliche Ohnmacht steigert sich dann noch ins Drastische: „Ich wollte ich könnte mir das Herz aus dem Leibe reißen, in diesen Brief packen, und dir zuschicken.“[66] Wie kein anderer Dichter dieser Zeit verleiht jedoch Kleist auch solchen Zuständen der lähmenden Sprachnot künstlerischen Ausdruck, und er geht in seinen Werken immer wieder bis an die Grenzen des Sagbaren und darüber hinaus. Als Beispiel eines solchen vergeblichen Ringens nach tauglichen Worten sei hier eine Klage-Rede aus dem Kätchen von Heilbronn angeführt. Graf Wetter vom Strahl möchte eigentlich darüber jammern, dass er das zauberhafte Kätchen nicht zu seiner Frau machen kann, und zunächst nimmt er sich in sprachlicher Hinsicht Mächtiges vor: „Ich will meine Muttersprache durchblättern, und das ganze, reiche Kapitel, das diese Überschrift führt: Empfindung, dergestalt plündern, daß kein Reimschmied mehr, auf neue Art, soll sagen können: ich bin betrübt.“ (V. 674 ff.) Dieses großspurig angekündigte Verbalunterfangen scheitert aber, und da ihm auch treffende Worte für seine intensive Anbetung fehlen, meint er schließlich: „ Kätchen! Mädchen! Kätchen! (...) Du Schönere, als ich singen kann, ich will eine eigene Kunst erfinden, und dich weinen. Alle Phiolen der Empfindung, himmlische und irdische, will ich eröffnen, und eine solche Mischung von Tränen, einen Erguß von so eigentümlicher Art, so heilig zugleich und üppig, zusammenschütten, daß jeder Mensch gleich, an dessen Hals ich sie weine, sagen soll: sie fließen dem Kätchen von Heilbronn.“ (V. 694 ff.)

Wenn man nun wie Kleist von solchen Mängeln der Sprache überzeugt ist, so muss man als Dichter auch neue sprachliche Ausdrucksformen finden. Genau darin ist Kleist von schier unglaublicher Gestaltungskraft und zugleich von beeindruckender Modernität.

Vieles, was in seinen Dramenfiguren innerlich vorgeht, sind unbewusste Impulse, die sich verbal nicht darstellen lassen, und so erfährt der Leser häufig nur durch die in Klammern gesetzten Regieanweisungen (z. B. „verwirrt“ oder „zerstreut“), dass sich ein Akteur gerade in einer besonderen inneren Verfassung befindet. Wenn Prinz Homburg, als Exempel genommen, in IV/4 auf das Begnadigungsschreiben des Kurfürsten reagiert, so ist für den Zuschauer der innere Entscheidungsprozess Homburgs nicht transparent. Man sieht nur, dass er geistig etwas abwesend wirkt, dass etwas in ihm vorgeht; man weiß aber nicht, was. Homburgs Entschluss, eine solche Art von Begnadigung abzulehnen, wird mehr oder weniger wortlos vollzogen. Im klassischen Drama Goethes oder Schillers verhält sich das anders: hier wird noch von einer Einheit der Person ausgegangen, d. h. die Personen des Stücks verfügen frei und in vollem Bewusstsein über sich selbst und ihre inneren Vorgänge, und eben diese inneren Vorgänge können sie vollständig und für jeden Zuschauer nachvollziehbar verbal zum Ausdruck bringen. Wenn Goethes Iphigenie an die Humanität von König Thoas appelliert, so weiß sie genau, was sie will, was sie sagen will, und sagt dies eben auch. Diese – eben schon angesprochene – Einheit der Person gibt es bei Kleist nicht mehr[67]; bei ihm sind die Figuren nicht mehr standfeste Träger hoher Ideen, sondern innerlich gespaltene und von Identitätskrisen heimgesuchte Existenzen, und das wirkt sich natürlich auch auf die Sprache selbst aus. Da die kleistschen Helden eben nicht immer wissen, was sie wollen und wie sie innere Vorgänge verbal ausdrücken sollen, brechen viele wörtliche Reden einfach ab, nicht selten mit einem Gedankenstrich. Manche Repliken in den Dramen enthalten Worte, die dem nüchternen Bewusstsein des Helden entspringen und die dann noch im gleichen Vers urplötzlich von solchen abgelöst werden, die aus dem Unbewussten desselben stammen. Es tauchen zudem nicht selten Versprecher und sprachliche Fehlleistungen auf, und obwohl auch Kleist in gebundenen Versen schreibt, wird seine Sprache nun etwas realistischer als die doch äußerst idealisierte der Klassik, sie wirkt expressiver, moderner. Die Stilmittel, die er typischerweise vor allem dann gebraucht, wenn sich seine Werke auf das Nicht-mehr-Sagbare, auf das Verstummen zubewegen, lauten klangvoll: „Paradoxon, Ellipse, Aposiopese, Anthithese, Katachrese, Anakoluth, und Anagramm. Gerade das Paradox weist wie keine zweite Figur auf die Grenzen einer rationalen Logik und verstandeszentrierten Sprache hin, die Häufigkeit seiner Verwendung steigt in Zeiten der gesellschaftlichen und persönlichen Krisen.“[68] Diese Worte verweisen darauf, dass auch die Identitätskrise mit dem Sprachproblem verzahnt ist.

Da nun aber in den kleistschen Werken Entscheidungsprozesse häufig nicht mehr – wie noch im klassischen Drama – verbal ablaufen, übernimmt in diesen dafür der Körper eine gewichtigere Ausdrucksfunktion. Die Figuren erröten beispielsweise oder erblassen, sie legen symbolisch befrachtete Gebärden an den Tag, aus denen man als Zuschauer wieder nur gewisse innere Regungen erahnen kann. Gestik, Mimik, pantomimische Szenen spielen in diesem Kontext eine große Rolle.

Die Unzulänglichkeit der Sprache hat aber mitunter auch verheerende Folgen, die Kleist in seinen Werken immer wieder aufzeigt. Die Doppel- und Mehrdeutigkeit des Wortes bewirkt natürlich häufig ein völliges Aneinander-vorbei-Reden der Menschen, und so entstehen neben der schon erwähnten Einsamkeit oft auch noch Missverständnisse mit fatalen Konsequenzen. So hält man z.B. in der Familie Schroffenstein jemanden wegen eines einzigen – und noch dazu auf der Folter erpressten – Worts irrtümlich für einen Mörder. An diesem Exempel zeigt sich übrigens auch sehr schön, wie die Aussagekraft einer Äußerung von ihrem jeweiligen Kontext abhängt.

Babylonische Sprachverwirrungen, Sprachnot, das Versagen der Sprache aufgrund überbordender Gefühle, der Doppelsinn verbaler Äußerungen und die damit einhergehenden Fehlinterpretationen, Irrtümer, Missverständnisse und Verwicklungen – all dies sind typisch kleistsche Elemente, die hier in diesem Zusammenhang genannt werden müssen. Die Sprache versagt in kognitiver wie in kommunikativer Hinsicht.

Sprachlosigkeit kann bei Kleist übrigens unterschiedliche Bedeutungen haben. Wenn es der Mutter der Marquise von O. aufgrund eines unerhörten Ereignisses die Sprache verschlägt, so ist dies sicherlich ein Zeichen von überschwappenden (negativen) Gefühlen. Vermutlich geht auch das berühmte Final-„Ach!“ der Alkmene in diese Richtung. Sprachlosigkeit kann im kleistschen Drama aber auch etwas Positives bedeuten. Es gibt so etwas wie ein paradiesisches Schweigen, das im Gegensatz zum Sprechen steht. Wer spricht, reflektiert, und wer reflektiert, hat seine ursprüngliche Einheit mit sich selbst verloren. In diesem Zusammenhang mag auch Rousseaus Sprachkritik eine Rolle spielen.

Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass es skeptische Auffassungen gegenüber der Sprache auch schon vor Kleist gab, z.B. bei Schiller, Goethe und den Frühromantikern. Das Besondere an Kleist ist jedoch, dass sich bei ihm diese Sprachskepsis zu einer regelrechten Sprachkrise verdichtet; eben diese Krise veranlasste ihn aber, neue sprachliche Möglichkeiten zu suchen und zu finden.

Es war Friedrich Schiller, der schon im Don Carlos die herrlichen Verse schrieb:

„Schlimm, daß der Gedanke / erst in die Elemente trockner Silben / zersplittern muß, die Seele zum Gerippe / verdorren muß, der Seele zu erscheinen.“[69]

3.2.3 Identitätsproblem

Ebenfalls in den Wintermonaten 1800/01 begibt sich Kleist in Berlin ab und an in Gesellschaft. Er verkehrt in den Häusern von Gelehrten, wo er sich aber nicht besonders wohl fühlt. Der dort obwaltende Fachidiotismus widerspricht seiner Vorstellung von einer universalen Bildung, und seine Begeisterung für die Wissenschaften scheint ihm dadurch zunehmend fragwürdiger. Er besucht Kaufmannsfamilien, doch auch die Aufenthalte in solchen Kreisen bereiten ihm vorwiegend Unbehagen. Das gekünstelte Betragen der Leute, ihr Kommunizieren mittels vorgestanzter Satzschablonen, ihr von Konventionen geprägtes Verhalten und ihre ganze Oberflächlichkeit sind ihm unangenehm. Er klagt seiner Schwester:

„Ach, liebe Ulrike, ich passe mich nicht unter die Menschen, es ist eine traurige Wahrheit; und wenn ich den Grund ohne Umschweif angeben soll, so ist es dieser: sie gefallen mir nicht. (...) Indessen wenn ich mich in Gesellschaften nicht wohl befinde, so geschieht dies weniger, weil andere, als vielmehr weil ich mich selbst nicht zeige, wie ich es wünsche. Die Notwendigkeit eine Rolle zu spielen, und ein innerer Widerwillen dagegen machen mir jede Gesellschaft lästig, und froh kann ich nur in meiner eignen Gesellschaft sein, weil ich da ganz wahr sein darf.“[70]

Hier spricht Kleist ein Problem an, das er in seinen Werken immer wieder künstlerisch ausgestaltet: die Identitätskrise. Dieses Problemfeld ist allerdings so komplex, dass es sich natürlich nicht auf den unangenehmen Zwang beschränkt, in einer von Konventionen geprägten Gesellschaft eine Rolle spielen zu müssen. Was ist überhaupt eine Identitätskrise?

Ein Mensch, der sich nicht in einer solchen befindet, hat vermutlich immer das Gefühl, über so etwas wie einen konstanten Kern seines Wesens zu verfügen, unabhängig davon, was äußerlich auf ihn einwirkt. Wer auch in fremden Regionen seinen eigenen Dialekt bewahrt, von dem würde man beispielsweise behaupten, er habe seine Identität bewahrt. Auch wenn man etwa trotz gewisser Bedrohungen von außen man selbst bleibt, sich als frei handelndes Subjekt fühlt, weil man seinen eigenen individuellen Willen dennoch vernimmt und diesem folgt, ist sicher nicht unbedingt von einer Identitätskrise zu reden. Wenn man sich aber nur mehr als Spielball des Schicksals, als ausgeliefertes Objekt bestimmter unbeeinflussbarer Geschehnisse empfindet, dann ist allerdings die Selbstbehauptung in hohem Maße gefährdet. In diesem Kontext lohnt ein Blick auf Kleists Lustspiel Amphitryon: der Gott Jupiter kommt auf die Erde, um eine Liebesnacht mit Amphitryons Gattin Alkmene zu verbringen. Er muss hierzu natürlich die menschliche Gestalt des Thebaner-Feldherrn annehmen, und sein ihn begleitender Komplize Merkur jene von dessen Diener Sosias. Die beiden Götter berauben somit die beiden Männer einfach um ihre Identität, sie nehmen ihren Platz ein. Alkmene spricht dann gegenüber ihrem Gatten von jener Liebesnacht mit dem Olympier, da sie ja der festen Überzeugung ist, sie habe damals keinen anderen als ihn selbst, Amphitryon, empfangen. Dieser weiß aber verständlicherweise, dass er es nicht gewesen sein kann, der da seine Frau beglückte; er war zu diesem Zeitpunkt nämlich noch gar nicht aus dem Krieg zurück. Alkmene hat im weiteren Verlauf des Stücks immer mehr Grund zu der Annahme, dass ihr in jener Nacht vielleicht doch ein anderer als ihr Gatte erschienen ist. Ähnlich ist der Fall in der Marquise von O.. Sie ist schwanger geworden, weil sie während einer Ohnmacht vergewaltigt wurde. Sie weiß nicht nur nicht, wer mit ihr geschlafen hat, sondern sie kann sich sogar nicht einmal daran erinnern, dass sie mit jemandem Verkehr hatte.

Amphitryon und Die Marquise von O. „haben ein gemeinsames Thema: den erschlichenen Beischlaf und die Reaktion der solcherart betrogenen Frau. Das Problem der Selbstbehauptung gegenüber der tiefsten Verletzung des Selbst- und Selbstwertgefühls gestaltet Kleist hier, anders als etwa im Michael Kohlhaas, vom Körper her: Das von der Frau nicht oder jedenfalls so nicht gewünschte Eindringen des Mannes in ihren Körper macht sie zum bloßen Objekt männlichen Begehrens, und es geht darum, ob und wie sie wieder Subjekt werden, ihre Identität und ihr Selbstwertgefühl wiedergewinnen kann.“[71]

Das Identitätsproblem erfährt in Kleists Werken jedoch derart vielschichtige Ausgestaltungen, dass sich mit dem bisher Gesagten nur minimale Andeutungen machen lassen. Immer wieder geht es bei seinen Figuren um das Ringen nach Ich-Gewissheit bzw. – damit auch verbunden – nach Du-Gewissheit, sie betasten sich dabei mitunter sogar körperlich, um zu prüfen, ob sie tatsächlich sie selbst sind, ja ob sie überhaupt etwas sind.

3.2.4 Erkenntnisproblem (sog. Kant-Krise)

Kurze Zeit später schreibt Kleist an Wilhelmine – und fast in gleichem Wortlaut an Ulrike – jene berühmte Passage, die den völligen Einbruch seiner bisherigen Weltanschauung, seines rationalistisch-teleologischen Weltbild markiert oder, je nach Standpunkt, nach außen hin markieren soll. Innerhalb der jüngeren literaturwissenschaftlichen Sichtweisen geht man nämlich häufig davon aus, dass die sogenannte Kant-Krise, um die es hier geht, lange Zeit überschätzt wurde. Kleist habe in den beiden entsprechenden Briefen, was seine philosophische Niedergeschlagenheit anbelangt, ein wenig dick aufgetragen bzw. die ganze weltanschauliche Desillusionierung inszeniert, um mitleidiges Verständnis für ein ganz anderes Anliegen zu erheischen: er wollte zu dieser Zeit wieder verreisen. An diesen Einwänden ist sicher was dran. Es wird sich jedoch auch zeigen, dass sich der inhaltliche Pessimismus jenes eben angesprochenen und sogleich zu zitierenden Abschnitts deutlich in seinen Werken niederschlägt, und von daher soll hier der Einfachheit wegen im Folgenden immer nur von der ,Kant-Krise‘ gesprochen werden. In der bekannten Briefstelle schildert nun Kleist die Schlussfolgerungen, die er aus seiner Beschäftigung mit der sogenannten Kantischen Philosophie gezogen hat:

„Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün – und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint. Ist das letzte, so ist die Wahrheit, die wir hier sammeln, nach dem Tode nicht mehr – und alles Bestreben, ein Eigentum sich zu erwerben, das uns auch

ins Grab folgt, vergeblich.“[72]

Kleist zieht hier also aus der Philosophie Kants den Schluss, dass es auf dieser Welt keine absoluten und objektiven Erkenntnisse zu erlangen gibt, da wir die Dinge nur so wahrnehmen, wie sie erscheinen, nicht wie sie sind. Unsere Vorstellungsinhalte beim Betrachten der Dinge sind abhängig von unserem subjektiven Wahrnehmungsapparat und damit keineswegs identisch mit den betrachteten Dingen selbst; zumindest, um näher am kleistschen Gedankengang zu bleiben, können wir nicht beurteilen, ob diese Identität tatsächlich existiert. Kurz: Alle Wahrheiten sind relativ, subjektiv und somit fragwürdig.

Es ist übrigens umstritten, ob Kleist diese Schlüsse aufgrund einer Lektüre von Kant selbst oder von einem Autor aus dessen näherem oder weiterem Umkreis zieht. Diese Frage ist hier aber gleichermaßen irrelevant wie die Tatsache, dass der philosophisch dilettierende Kleist Kant nicht richtig verstanden hat. Weitaus interessanter sind folgende beiden Fragen. Erstens: Inwiefern und wie hart muss ihn seine neue Überzeugung erschüttern? Zweitens: Schlägt sich diese Erkenntniskrise in seinem Werk nieder und, wenn ja, wo und wie?

Zur Beantwortung der ersten Frage muss man sich kurz noch einmal Kleists rationalistisches und teleologisches Weltbild vergegenwärtigen: er geht ja bis jetzt noch immer von der Möglichkeit einer stufenweisen Vervollkommnung durch Bildung und Wissenschaft aus. Wenn aber auf dieser Welt keine Wahrheiten vorzufinden sind, fällt dieser ganze Gedanke natürlich ebenso ins Wasser wie auch sein Lebensplan, über den er 1799 noch im Brustton der Überzeugung schreibt: „Ein frei denkender Mensch (...) bestimmt nach seiner Vernunft, welches Glück für ihn das höchste sei, er entwirft sich seinen Lebensplan und strebt seinem Ziele nach sicher aufgestellten Grundsätzen mit allen seinen Kräften entgegen.“[73] Ohne Lebensplan leben, bedeute: „vom Zufall erwarten, ob er uns so glücklich mache, wie wir es selbst nicht begreifen.“[74]

All diese Denkinhalte – sollte er an diese bis dahin wirklich noch glauben – sind jetzt hinfällig geworden. Die Planbarkeit eines glückenden und glücklichen Lebens mittels Verstand und Vernunft ist unvereinbar mit der kleistschen Interpretation der Kantischen Philosophie.

Um nun aufzuzeigen, wie sich diese Erkenntniskrise in Kleists Werk niederschlägt, ist eine kurze und simplifizierende Nacherzählung der äußerlichen Handlung seines dramatischen Erstlings, der Familie Schroffenstein, außerordentlich aufschlussreich. Eine solche knappe Inhaltsangabe liefert zugleich eine ideale Hintergrundsfolie für den nächsten Abschnitt, in dem es um die Einflüsse Rousseaus auf Kleist gehen soll.

Als Grundkonstellation ist die Feindschaft zwischen zwei Häusern (Rossitz und Warwand) einer Familie (Schroffenstein) gegeben. Bedingt ist diese Feindschaft, diese „Zwietracht innerhalb des eigentlich Zusammengehörigen“[75], durch einen Erbvertrag. Ihm zufolge soll beim Aussterben einer Linie die andere deren gesamten Besitz übernehmen, was natürlich ein Klima permanenten Misstrauens schafft. Durch den bereits vor Beginn des Dramas erfolgten Tod eines Kindes aus dem Hause Rossitz wird dann der eigentliche Konflikt ausgelöst. Graf Rupert und seine Rossitzer sind der irrigen Überzeugung, dass Graf Sylvester aus dem Hause Warwand das Kind ermorden ließ, weshalb sie tödliche Rache vor dem Sarg des Kindes schwören. Mehrere Versuche, den Todesfall aufzuklären und die beiden Häuser zu versöhnen, misslingen nicht nur, sondern sie führen sogar aufgrund zahlreicher Missverständnisse zu tatsächlichen Morden. Der Sohn Ruperts, Ottokar, liebt die Tochter Sylvesters, Agnes, ohne zunächst jedoch zu wissen, wer sie ist. Jenseits der sich bekämpfenden Familiengesellschaft treffen sich die beiden Liebenden in einer Höhle, einem Platz in der idyllischen Gebirgsnatur; sie folgen ihrem Gefühl. Auch Ottokar versucht, die Feindschaft zwischen den beiden Häusern zu beenden, doch – obwohl er den Tod des Kindes als Unglücksfall aufdeckt – auch er scheitert darin. Am Ende des Dramas tauscht er mit Agnes die Kleider, um sie vor den Angriffen der Rossitzer zu schützen. Aber genau das führt dazu, dass die Väter, durch den Kleidertausch getäuscht, jeweils ihr eigenes Kind töten. Die Wahrheit wird erst am Schluss von einer Totengräberswitwe ans Licht gebracht:[76] „Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen.“ (V. 2750)

Diese stark vereinfachende Wiedergabe des Inhalts zeigt bereits, worum es in diesem Drama vorwiegend geht: um Irrtümer und Missverständnisse, die entweder sprachlich oder visuell bedingt (sich versehen) entstehen, sowie um die daraus resultierenden fatalen Folgen. Die ganze Welt in diesem Trauerspiel ist ein einziger Verblendungszusammenhang, den die einzelnen Figuren nicht durchbrechen können; der Schein ist stärker als das Sein. Erst zum Schluss, über den Leichen ihrer Kinder, erkennen sie die Wahrheit und sich selbst: zu spät!

Dem Verstand wird hier als Erkenntnisinstrument ein denkbar schlechtes Zeugnis ausgestellt, was sich sehr schön an der Figur Sylvesters zeigt. Dieser versucht nämlich durchaus, die Dinge vorurteilsfrei und rationalistisch-kühl zu betrachten, und dennoch wird auch er in den verhängnisvollen Strudel der allumfassenden Konfusion gerissen.

Ottokar und Agnes, die in einer Idylle ihren reinen Gefühlen gehorchen, entfalten jedoch Liebe. Nicht nur darin spiegelt sich Rousseaus Einfluss auf Kleist wieder.

4 Einflüsse Rousseaus und der Durchbruch zur Dichtung

Kleist bricht 1801 zusammen mit Ulrike nach Paris auf. Wie schon gesagt, empfindet er nach dem Einsturz seiner vernunftgläubigen Weltanschauung große Reiselust. In der Heimat gibt er bestimmten Leuten gegenüber vor, er werde in Frankreich wissenschaftlichen Studien nachgehen. Diese oben schon einmal angesprochenen und auf ihn gerichteten Erwartungen, die er somit bei anderen Menschen ins Leben gerufen hat, machen ihm den Gedanken an eine Rückkehr ins städtische Alltagsleben Preußens sicher nicht sehr angenehm. Mit seiner angeblichen Weiterbildung ist es nämlich in Paris nicht weit her: er besucht zwar ein paar Vorlesungen, begibt sich ein wenig unter Wissenschaftler, schimpft über deren Einseitigkeit, hat Auseinandersetzungen mit den Behörden und gibt seine Absicht auf, hier in Paris zu unterrichten. Kleist schreibt Briefe, und diese Dokumente sind bereits echte Zeugnisse seiner Dichtkunst. Er arbeitet dabei mit der schon erwähnten Versatzteil-Technik; er gestaltet literarische Vorlagen um und bearbeitet sie nach seinen eigenen Vorstellungen. In den Briefen jener Tage findet man Spuren von Goethes Werther sowie gewisse Ähnlichkeiten zu Tiecks Wilhelm Lovell. Zu dieser Zeit haben es ihm aber vor allem die Schriften Rousseaus angetan, die er natürlich auch für seine Briefe verwertet.

Welche Ideen des Schweizer Philosophen faszinieren ihn?

In seiner Abhandlung über Ursprung und Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen aus dem Jahre 1753 zeichnet Rousseau das Bild eines paradiesischen Naturzustands: „Es herrscht allgemeine Gesundheit – denn die Natur tilgt das Schwache von selber aus; es herrschen die einfachen Tugenden; die Geschlechtsbeziehungen sind rein animalisch und unkompliziert; die Menschen sind isoliert, unabhängig, niemanden untertan; ohne Industrie, ohne Sprache, ohne Nachdenken. Denn, wenn die Natur uns dazu bestimmt hat, gesund zu sein, so wage ich fast zu behaupten, daß der Stand (Zustand) der Reflexion ein
Stand gegen die Natur, dass ein Mensch, welcher denkt, ein entartetes Wesen ist.“[77]

Einerseits erinnern diese Worte bereits an Kleists späten Aufsatz Über das Marionettentheater, in dem ja auch von einem ursprünglichen Zustand paradiesischer Unschuld – welcher dann von einem Stadium der Reflexion und des unglücklichen (Selbst-)Bewusstseins abgelöst wird – ausgegangen wird. Andererseits erhellen die Ansichten Rousseaus auch ein wenig, weshalb sein großer Verehrer, Heinrich von Kleist, so gerne das Motiv der Idylle verwendet. Ob in der Penthesilea oder etwa – wie angesprochen – in der Familie Schroffenstein, immer wieder treffen sich bei Kleist Liebespaare jenseits der im Zwist liegenden Gesellschaft an einem idyllischen Ort; nur dort atmen sie eine Ahnung vom Paradies, dort allein. Auch in den Novellen Das Erdbeben von Chili und Die Marquise von O. taucht dieses Idyllen-Motiv auf.

Wodurch kommt es nach Rousseau zur Beendigung des paradiesischen Urzustands? Für ihn wurzelt das Unheil in der Entstehung des Eigentums: Besitzverhältnisse führen zu Streit und Misstrauen, zu Zwietracht und Missgunst.

Der Erbvertrag in der Familie Schroffenstein bringt dies eindrucksvoll zum Ausdruck. Eine kleistsche Figur dieses Erstlingswerks vergleicht diesen Sündenfall-Gedanken Rousseaus mit dem des Alten Testaments, was hier noch als ganz entscheidender Aspekt erwähnt sei; denn eben dieser biblische Mythos findet sich als Motiv in zahlreichen seiner Werke: es ist die Welt des aus dem Paradies vertriebenen Menschen, die Kleist immer wieder darstellt, – eine Welt nach dem Sündenfall.

Aber auch andere Gedanken faszinieren den Paris-Touristen, der sich nun mit großen Schritten in Richtung Dichtertum bewegt. Er schimpft in den Briefen dieser Tage über das Großstadtleben in der Metropole, über die Dekadenz sowie den Sittenverfall der Pariser, und die ganze Schilderung dieser Niedergangssymptome erinnert wiederum sehr an Rousseaus zivilisationskritische Schriften. Wissenschaft bessere den Menschen nicht, so der Schweizer Philosoph, sondern verführe ihn lediglich dazu, sinnlos in überflüssigem Luxus zu schwelgen – auch diese Position dürfte so recht dem Geschmack eines jungen Mannes entsprechen, dessen Bildungsideal unlängst gesunken ist. Was Kleist dann dazu bewegt, Landmann in der Schweiz werden zu wollen, ist mitunter die Tatsache, dass Rousseau einen solchen einsamen Rückzug auf die idyllische Peters-Insel im Bieler See (ebenfalls in der Schweiz) selbst vorgelebt hatte. Was ihn aber sicherlich auch sehr fasziniert, ist der Gesellschaftsekel und die damit verbundene Sehnsucht nach dem Natürlichen, die sein Vorbild literarisch entschieden zum Ausdruck bringt:

„Ich war so gelangweilt von Salons, Springbrunnen, Bosketts, Gartenbeeten und den noch langweiligeren Besitzern alles dessen; ich war so übersättigt von Broschüren, Klavieren, L´Hombre-Spiel, Theaterverwicklungen, törichten Bonmots, fader Ziererei, kleinen Schwätzern und großen Soupers. Wenn ich einen verstohlenen Seitenblick auf einen einfachen, armseligen Dornbusch, eine Hecke, eine Scheune, eine Wiese warf, wenn ich durch ein Dörfchen kam und den Duft eines Omletts roch, wenn ich von weitem den ländlichen Kehrreim der Lieder der Ziegenhirtinnen hörte, dann wünschte ich Schminke, Bänder und Ambra zum Teufel (...)“[78]

Im November 1811 verlassen Kleist und Ulrike Paris. Am 29.11. treffen sie in Frankfurt am Main ein, wo sich ihre Wege trennen. Die Schwester fährt allein in die Heimat zurück, der Bruder begibt sich in die Schweiz. Seine Verlobte, Wilhelmine von Zenge, hält nichts von der Idee, Bäuerin zu werden; sie wird dem Aussteiger nicht folgen, weshalb es schließlich zur Entlobung kommt. Kleists Plan, Bauer zu werden, vereiteln politische Unruhen, aber er wird ein Haus auf einer Insel im Ausfluss der Aare beziehen und sein erstes Drama verfassen. Er ist, spätestens jetzt, Dichter.

5 Schluss

5.1 Kleists letzte Kränkung

Zuletzt sei noch einmal ein Sprung in die letzten Lebenswochen des Poeten gewagt.

Wie in der Einleitung bereits erwähnt, kommt es bei Kleists letztem Familienbesuch in Frankfurt an der Oder zu einer unschönen Szene, die ihn sehr gekränkt haben muss.

Stellvertretend für den ganzen Clan beschimpfen ihn im Kreise der Angehörigen zwei seiner Schwestern, darunter Ulrike, als Taugenichts.

Man kann nur spekulieren, was sich dort bei diesem Verwandtschaftstreffen genau zuträgt, welche Worte tatsächlich auf den Bruder geworfen werden. Möglicherweise herrscht zunächst eine allgemeine und solchen Anlässen häufig innewohnende Steifheit, eine angespannte Wortkargheit, begleitet vom leisen Klirren der Kaffeegeschirre – eine Einsilbigkeit im nüchternen Licht des hellen Mittags, die so lange mit der vorwurfsvollen Reserviertheit gegenüber dem ewigen schwarzen Schaf einhergeht, bis sich dann die ganze ungute Stimmung in Form von Beschimpfungen entlädt. – Aber das ist natürlich eine reine Ausmalung.

Kleists Bedürfnis nach Anerkennung innerhalb seiner Familie wurde ja bereits ebenso behandelt wie das enge Geschwisterverhältnis zu Ulrike, und im Lichte dessen kann man sich schon gut vorstellen, dass ihn dieser Vorfall psychisch hart getroffen hat. Gegenüber Marie von Kleist schildert der Gekränkte die ganze Sache folgendermaßen: „So versichre ich Dich, wollte ich doch lieber zehnmal den Tod erleiden, als noch einmal wieder erleben, was ich das letztemal in Frankfurt an der Mittagstafel zwischen meinen beiden Schwestern (...) empfunden habe; laß es Dir nur einmal von Ulriken erzählen. Ich habe meine Geschwister immer, zum Teil wegen ihrer gutgearteten Persönlichkeiten, zum Teil für die Freundschaft, die sie für mich hatten, von Herzen lieb gehabt; so wenig ich davon gesprochen habe, so gewiß ist es, daß es einer meiner herzlichsten und innigsten Wünsche war, ihnen einmal, durch meine Arbeiten und Werke, recht viel Freude und Ehre zu machen. Nun ist es zwar wahr, es war in den letzten Zeiten, von mancher Seite her, gefährlich, sich mit mir einzulassen (...) aber der Gedanke, das Verdienst, das ich doch zuletzt, es sei nun groß oder klein, habe, gar nicht anerkannt zu sehen, und mich von ihnen als ein ganz nichtsnutziges Glied der menschlichen Gesellschaft, das keiner Anteilnahme mehr wert sei, betrachtet zu sehn, ist mir überaus schmerzhaft, wahrhaftig, es raubt mir nicht nur die Freuden, die ich von der Zukunft hoffte, sondern es vergiftet mir auch die Vergangenheit.“[79]

Mit dieser Kränkung allein ist natürlich der Selbstmord keineswegs erklärt, was ja auch die große Anzahl unterschiedlicher Sehweisen auf diese Tat erahnen lässt. Mit welchen Begriffen soll man sich diesem Phänomen überhaupt annähern? – Wir haben letztendlich nicht viel mehr als den schon häufig strapazierten Motiv-Komplex (familiäre Kränkung, Einsamkeit, patriotische Enttäuschung bzw. politischer Protest gegen das untätige Preußen, metaphysische Sehnsucht, permanente Geldnöte usw.), und zuletzt bestehen dann die Differenzen zwischen den einzelnen Erklärungsversuchen meist doch nur in der unterschiedlichen Gewichtung eben dieser jeweiligen Motive. Es ist wohl gleichermaßen richtig wie banal, wenn man darauf hinweist, dass vermutlich ein nicht exakt bestimmbares Zusammenwirken all der hier angerissenen möglichen Gründe zu diesem finalen Schritt geführt hat.

Eindeutiger kann man jedoch sicherlich sagen: Kleist war zuletzt psychisch aufgerieben. Er selbst beschreibt die Trostlosigkeit seiner inneren Gemütslage u. a. mit folgenden Worten: „meine Seele ist so wund, daß mir, ich möchte fast sagen, wenn ich die Nase aus dem Fenster stecke, das Tageslicht wehe tut, das mir darauf schimmert.“[80]

5.2 Das Ende am Wannsee

Über seinen Freund Adam Müller lernt Kleist 1810 die religiös exaltierte Henriette Vogel kennen. Die beiden musizieren zusammen, singen geistige Choräle. Mit christlichen Sinngebungen des Todes kann sich jedoch der Dichter im Angesicht seines Endes sicherlich nicht trösten: wie gesagt, war er ja auch Religions- und Kirchenkritiker.

„Am 20. November 1811 fahren Kleist und Henriette Vogel an den Kleinen Wannsee hinaus. Nehmen Quartier in einem Gasthaus. Verlangen Licht und Schreibzeug auf ihr Zimmer. Sie schlafen getrennt. Henriette hat die Zwischentür verschlossen. Am anderen Tag scherzen sie miteinander. Kleist springt über die Bretter der Kegelbahn. Am Nachmittag lassen sie sich auf einer Anhöhe in unmittelbarer Nähe des Gasthauses ein Tischchen aufstellen und Kaffee servieren. Kleist bittet die Wirtsfrau um einen Bleistift. Als diese mit dem Verlangten zurückkehrt, hört sie zwei Schüsse. Auf der Anhöhe findet sie die beiden tot. Henriette auf dem Rücken liegend, Kleist vor ihr zusammengesunken, der Kopf dicht an ihrem rechten Bein.

Am Boden zwei Pistolen.“[81]

Folgende Fragen werden immer wieder diskutiert: Wer kam zuerst auf die Idee zu dieser gemeinsamen Tat, sie oder er? – Es lässt sich nicht sagen. – Hatten sie ein intimes Verhältnis? – Viele verneinen dies, aber es ist möglich. Ohnehin ist dies eine an und für sich sehr indiskrete Frage, aber sie spielt im Hinblick auf das Kleist-Bild natürlich keine ganz unwichtige Rolle: Wer z. B. davon ausgeht, der Dichter habe es nie zu einem echten körperlichen Liebesverhältnis gebracht, neigt – möglicherweise! – dazu, den Doppelselbstmord als eine Art sexuell motivierte Ersatzhandlung oder dergleichen zu betrachten, als einen Akt, dem – aufgrund im Leben nie erfahrener Vereinigung – der finale Wunsch nach endgültiger Verschmelzung in der Verwesung[82] zugrunde lag. Auf derlei psychologisierende Erklärungsmuster stößt man aber in letzter Zeit kaum mehr; man betrachtet sie schon seit einer Reihe von Jahren eher skeptisch. – Ferner will man immer wieder gerne wissen: Liebten sich die beiden wirklich? War es also ein echter Liebestod? – Dass es sich nicht um einen solchen handelte, wurde schon von einigen Zeitgenossen behauptet. Auch heute gehen immer wieder manche davon aus, Kleist habe seine Suizidpartnerin nur dafür instrumentalisiert, um ein erhaben wirkendes Ende zu nehmen, ja um ein solches sogar, wie manche meinen, regelrecht zu inszenieren. Über viele Gesichtspunkte zu diesem Doppelsuizid ließe sich noch reichlich spekulieren und stundenlang salbadern. Stattdessen soll aber nun Kleists versöhnlicher und rührender Abschiedsbrief an Ulrike dieses Kapitel beenden.

„Ich kann nicht sterben, ohne mich, zufrieden und heiter, wie ich bin, mit der ganzen Welt, und somit auch, vor allen anderen, meine teuerste Ulrike, mit Dir versöhnt zu haben. Laß sie mich, die strenge Äußerung, die in dem Briefe an die Kleisten enthalten ist, laß sie mich zurücknehmen; wirklich, Du hast an mir getan, ich sage nicht, was in Kräften einer Schwester, sondern in Kräften eines Menschen stand, um mich zu retten: die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war. Und nun lebe wohl; möge Dir der Himmel einen Tod schenken, nur halb an Freude und unaussprechlicher Heiterkeit, dem meinigen gleich: das ist der herzlichste und innigste Wunsch, den ich für Dich aufzubringen weiß. Dein Heinrich.“[83]

5.3 Schlusszitat

„In der Aufklärung wurzelnd, berührt vom deutschen Klassizismus, deutscher Romantik und Werken aus fremden Literaturen, belebt von einem neuartigen Ich- und Weltgefühl, war er zu neuen Ufern vorgestoßen. Dies blieb lange unerkannt, und nur wenige pilgerten an sein Grab am Wannsee. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, mit dem Durchbruch eines modernen, von Entfesselung und Entfremdung, Krieg, Wahrheits- und Sinnkrisen bestimmten Lebensgefühls, erkannte man den sprachbezwingenden Außenseiter als einen genialen Poeten und Vordenker, als einen Verwandten im Geiste.“[84]

6 Fußnoten

So dokumentiert es Peguilhen, ein gemeinsamer Bekannter Henriette Vogels und Kleists, am 22.11.1811, also einen Tag nach dem Doppelsuizid. Insgesamt aber sind Peguilhens Darstellungen mit größter Vorsicht zu genießen. Hier zitiert nach Bisky, Jens: Kleist. Eine Biographie. Berlin 2007. S. 462. – Siehe auch: LS. S. 449
 

Hinderer, Walter: Seinssausstand als Lebensfeier. Anmerkungen zu Heinrich von Kleists romantischer Todesauffassung. In: Sterben und Tod bei Heinrich von Kleist und in seinem historischen Kontext. Würzburg 2006. S. 79-101. Hier: S.79

Vgl. hierzu Loch, Rudolf: Kleist. Eine Biographie. Göttingen 2003. S.411 f.

Heinrich von Kleist: Sämtliche Werke und Briefe. Herausgegeben von Helmut Sembdner. Zweibändige Ausgabe in einem Band. München 2001. (Im Folgenden als „Werke und Briefe“. Alle Verse Kleists sind nach dieser Ausgabe zitiert.) Zweiter Band S. 885

Fischer, Ernst: Heinrich von Kleist. In: Heinrich von Kleist. Aufsätze und Essays. Darmstadt 1967. Herausgegeben von Walter Müller-Seidel. S. 459-552. Hier: S. 549

Foqué, Friedrich de la Motte zitiert nach Fischer. Ebd. S. 549

Unger, Rudolf zitiert Fischer S. 549

Fricke, Gerhard: Gefühl und Schicksal bei Heinrich von Kleist. Berlin 1929

Fricke S. 209

Mann, Thomas: Heinrich von Kleist und seine Erzählungen. In: M., Th.: Gesammelte Werke in 12 Bänden. Band 9. Reden und Aufsätze 1. Frankfurt am Main 1960. S. 823-842. Hier: S. 839

Neumann, Gerhard: Einleitung. In: Heinrich von Kleist. Kriegsfall – Rechtsfall – Sündenfall. Herausgegeben von Gerhard Neumann. Freiburg im Breisgau 1994. S. 7-11. Hier: S. 8

Loch S. 250

Neumann S. 8

Schulz, Gerhard: Kleist. Eine Biographie. München 2007. S. 459

Heinrich von Kleist: Werke und Briefe. Zweiter Band S. 885 f. Brief an Sophie Müller vom 20. November 1811

Heinrich von Kleist: Werke und Briefe. Zweiter Band S. 885. Brief an Marie von Kleist vom 19. November 1811

Wichmann, Thomas: Heinrich von Kleist. Sammlung Metzler. Realien zur Literatur. Band 240. Stuttgart 1988. S. 225

Bohrer, Karl Heinz: Kleists Selbstmord. In: Kleists Aktualität. Neue Aufsätze und Essays. Herausgegeben von Walter Müller-Seidel. Darmstadt 1981. S. 281-306. Hier: 306

Heinrich von Kleist: Werke und Briefe. Zweiter Band S. 878. Brief an Marie von Kleist vom 17. September 1811

Heinrich von Kleist: Werke und Briefe. Zweiter Band S. 884. Brief an Marie von Kleist vom 19.11.1811

Heinrich von Kleist: Werke und Briefe. Zweiter Band S. 887. Brief an Marie von Kleist vom 21.11.1811

Heinrich von Kleist: Werke und Briefe. Zweiter Band S. 792. Brief an Ulrike von Kleist vom 3. Oktober 1807

Heinrich von Kleist: Werke und Briefe. Zweiter Band S. 727. Brief an Wilhelm von Pannwitz im August 1802

Kurzke, Hermann: Heinrich von Kleists Krankheit und Größe. (Rezension zu den Kleist-Biografien von Bisky und Schulz aus dem Jahre 2007). Text aus: Die Welt. Artikel vom 28.10.07.
http://www.welt.de/kultur/article1298052/Heinrich_von_Kleists_Krankheit_und_Groesse.html

Kurzke. Ebd.

Vgl. Böckmann, Paul: Heinrich von Kleist. In: Heinrich von Kleist. Aufsätze und Essays.
Herausgegeben von Walter Müller-Seidel. Darmstadt 1967. S. 296-316. Hier: S.298

Müller-Seidel, Walter: Penthesilea im Kontext der deutschen Klassik. In: Kleists Dramen. Neue Interpretationen. Herausgegeben von Walter Hinderer. Stuttgart 1981. S. 144-167. Hier: S. 145

Vgl. zu diesem Absatz Wiese, Benno von: Der Tragiker Heinrich von Kleist und sein Jahrhundert. In: Heinrich von Kleist. Aufsätze und Essays. Herausgegeben von Walter-Müller-Seidel. Darmstadt 1967. S. 186-212 Hier S. 193

Schmidt, Jochen: Heinrich von Kleist. Die Dramen und Erzählungen in ihrer Epoche. Darmstadt 2003 S. 41

Schmidt S. 40

Heinrich von Kleist: Werke und Briefe. Zweiter Band S. 670. Brief an Wilhelmine von Zenge vom 21. Juli 1801

Müller-Salget: Heinrich von Kleist. Stuttgart 2002. S. 9

Wiese S. 203

Schmidt S. 40

LS. S.99

von Kleist, Georg zitiert nach Schulz S. 44

Mann, Thomas zitiert nach Schulz. Ebd. S. 44

Heinrich von Kleist: Sämtliche Werke und Briefe. Zweiter Band S. 731. Brief an Ulrike von Kleist vom 14. März 1803 – Diese Bemerkung hat Kleist nachträglich durchgestrichen.

Heinrich von Kleist. Werke und Briefe. Zweiter Band S.733. Brief an Ulrike von Kleist vom 3. Juli 1803.

Heinrich von Kleist. Werke und Briefe. Zweiter Band S.735. Brief an Ulrike von Kleist vom 5. Oktober 1803.

Heinrich von Kleist. Werke und Briefe. Zweiter Band S.737. Brief an Ulrike von Kleist vom 26. Oktober 1803.

Heinrich von Kleist. Werke und Briefe. Zweiter Band S. 677. Brief an Adolfine von Werdeck vom 28. (und 29.) Juli 1801.

Ebd. S.677.

Ebd. S. 676.

Zimmermann, Hans Dieter: Heinrich von Kleist. Eine Biographie. Reinbeck bei Hamburg 1991. S. 154

Achim von Arnim zitiert nach Bisky S. 145.

LS S. 47

Bisky S. 144

Kleist zitiert nach Bisky. Ebd. S. 144

Heinrich von Kleist. Sämtliche Werke und Briefe. Zweiter Band S. 489. Brief im Mai 1799 an Ulrike von Kleist.

Zitiert nach Schede, Hans-Georg: Heinrich von Kleist. Reinbek bei Hamburg 2008. S. 22.

Vgl. Schede. Ebd. S.22.

Schulz S. 91.

Heinrich von Kleist. Werke und Briefe. Zweiter Band S. 467. Brief an Auguste Helene von Massow vom 13. (-18.) März 1793.

Heinrich von Kleist. Werke und Briefe. Zweiter Band S. 471. Brief an Ulrike von Kleist vom 25. Februar 1795.

Heinrich von Kleist. Werke und Briefe. Zweiter Band S. 633. Brief an Wilhelmine von Zenge vom 22.3.1801.

Heinrich von Kleist. Werke und Briefe. Zweiter Band S. 479. Brief an Ulrike von Kleist vom 25. Februar 1795.

Heinrich von Kleist. Werke und Briefe. Zweiter Band S. 494. Brief an Ulrike von Kleist vom 12. November 1799.

Heinrich von Kleist. Werke und Briefe. Zweiter Band S. 504. Brief an Wilhelmine von Zenge (Anfang 2001)

Heinrich von Kleist. Werke und Briefe. Zweiter Band S. 797. Brief an Marie von Kleist im Spätherbst 1807

Vgl. Schede S. 40

Heinrich von Kleist. Werke und Briefe. Zweiter Band S. 584 f. Brief an Wilhelmine von Zenge vom 13. November 1800

 

Heinrich von Kleist. Werke und Briefe. Zweiter Band S. 587 f. Brief an Wilhelmine von Zenge vom 13. November 1800 Kleist Briefe S. 587

Heinrich von Kleist. Werke und Briefe. Zweiter Band S. 626. Brief an Ulrike von Kleist vom 5. Februar 1801.

Zitiert nach Breuer, Ingo: Kleist-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart 2009. S. 362.

Heinrich von Kleist. Werke und Briefe. Zweiter Band S. 729 f. Brief an Ulrike von Kleist vom 13./14.3. 1803.

Vgl. hierzu Fischer-Lichte, Erika: Prinz Friedrich von Homburg. Frankfurt am Main 1985. S. 79 ff.

Bartl, Andrea: Im Anfang war der Zweifel. Zur Sprachskepsis in der Literatur um 1800. Tübingen 2005. S. 343

Schiller zitiert nach Bartl S. 9

Heinrich von Kleist. Werke und Briefe. Zweiter Band S. 628. Brief an Ulrike von Kleist vom 5. Februar 1801

Müller-Salget S. 170

Heinrich von Kleist. Werke und Briefe. Zweiter Band S. 634. Brief an Wilhelmine von Zenge vom 22. März 1801.

Fülleborn, Ulrich: Die Geburt der Tragödie aus dem Scheitern aller Berechnungen. Die frühen Briefe Heinrich von Kleists und die ,Familie Schroffenstein´. In: Kleist-Jahrbuch 1999. Stuttgart 2000. S. 225-250. Hier S. 232.

Heinrich von Kleist. Werke und Briefe. Zweiter Band S. 490. Brief im Mai 1799 an Ulrike von Kleist.

Michelsen, Peter: Die Betrogenen des Rechtsgefühls. In Kleist-Jahrbuch 1992. Stuttgart 1993. S.64-80. Hier S. 65

Vgl. zu dieser Nacherzählung auch Michelsen S. 65 f.

Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Frankfurt am Main 1992 S. 377

Rousseau zitiert nach Schmidt S. 34 – Vgl. zu diesem Kapitel auch Schmidt S. 27-37

Heinrich von Kleist. Werke und Briefe. Zweiter Band S.883 f.. Brief an Marie von Kleist vom 10.11.1811

Heinrich von Kleist. Werke und Briefe. Zweiter Band S. 883. Brief an Marie von Kleist vom 10.11.1811

Safranski, Rüdiger: Wieviel Wahrheit braucht der Mensch? Über das Denkbare und das Lebbare. München/Wien 1990 S. 50

In einem etwas anderen Zusammenhang gebraucht Ernst Fischer den Ausdruck „Vermählung in der Verwesung“. Vgl. Fischer S. 549

Heinrich von Kleist: Werke und Briefe. Zweiter Band S.887. Brief an Ulrike von Kleist vom 21.11.1811

Loch S. 415

7 Literatur

Primärliteratur:

Heinrich von Kleist: Sämtliche Werke und Briefe. Herausgegeben von Helmut Sembdner. Zweibändige Ausgabe in einem Band. München 2001.

Lebenszeugnisse:

LS = Sembdner, Helmut (Hrsg.): Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. München 1996.

Sekundärliteratur:

Bartl, Andrea: Im Anfang war der Zweifel. Zur Sprachskepsis in der Literatur um 1800. Tübingen 2005

Bisky, Jens: Kleist. Eine Biographie. Berlin 2007.

Böckmann, Paul: Heinrich von Kleist. In: Müller-Seidel, Walter: Heinrich von Kleist. Aufsätze und Essays. Darmstadt 1967. S. 296-316.

Bohrer, Karl Heinz: Kleists Selbstmord. In: Kleists Aktualität. Neue Aufsätze und Essays. Herausgegeben von Walter Müller-Seidel. Darmstadt 1981. S. 281-306.

Breuer, Ingo: Kleist-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart 2009.

Fischer, Ernst: Heinrich von Kleist. S. 549. In: Heinrich von Kleist. Aufsätze und Essays. Herausgegeben von Walter Müller-Seidel. Darmstadt 1967. S. 459-552

Fischer-Lichte, Erika: Prinz Friedrich von Homburg. Frankfurt am Main 1985.

Fülleborn, Ulrich: Die Geburt der Tragödie aus dem Scheitern aller Berechnungen. Die frühen Briefe Heinrich von Kleists und die ,Familie Schroffenstein‘. In: Kleist-Jahrbuch 1999. Stuttgart 2000. S. 225-250.

Fricke, Gerhard: Gefühl und Schicksal bei Heinrich von Kleist. Berlin 1929.

Hinderer, Walter: Seinssaustand als Lebensfeier. Anmerkungen zu Heinrich von Kleists romantischer Todesauffassung. In: Sterben und Tod bei Heinrich von Kleist und in seinem historischen Kontext. Würzburg 2006. S. 79-101.

Loch, Rudolf: Kleist. Eine Biographie. Göttingen 2003.

Mann, Thomas: Heinrich von Kleist und seine Erzählungen. In: M., Th.: Gesammelte Werke in 12 Bänden. Band 9. Reden und Aufsätze 1. Frankfurt am Main 1960. S. 823-842.

Michelsen, Peter: Die Betrogenen des Rechtsgefühls. In Kleist-Jahrbuch 1992. Stuttgart 1993. S.64-80.

Müller-Salget, Klaus: Heinrich von Kleist. Stuttgart 2002.

Müller-Seidel, Walter: Penthesilea im Kontext der deutschen Klassik. In: Kleists Dramen. Neue Interpretationen. Herausgegeben von Walter Hinderer. Stuttgart 1981. S. 144-167.

Neumann, Gerhard: Einleitung. In: Heinrich von Kleist. Kriegsfall – Rechtsfall – Sündenfall. Herausgegeben von Gerhard Neumann. Freiburg im Breisgau 1994. S. 7-11.

Safranski, Rüdiger: Wieviel Wahrheit braucht der Mensch? Über das Denkbare und das Lebbare. München/Wien 1990.


Schede, Hans-Georg: Heinrich von Kleist. Reinbek bei Hamburg 2008.

Schmidt, Jochen: Heinrich von Kleist. Die Dramen und Erzählungen in ihrer Epoche. Darmstadt 2003.

Schulz, Gerhard: Kleist. Eine Biographie. München 2007.

Störing, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Frankfurt am Main 1992.

Wichmann, Thomas: Heinrich von Kleist. Sammlung Metzler. Realien zur Literatur. Band 240. Stuttgart 1988.

Wiese, Benno von: Der Tragiker Heinrich von Kleist und sein Jahrhundert. Heinrich von Kleist. Aufsätze und Essays. Herausgegeben von Walter Müller-Seidel. Darmstadt 1967. S. 186-212.

Zimmermann, Hans Dieter: Heinrich von Kleist. Eine Biographie. Reinbeck bei Hamburg 1991.

Internet-Artikel

Kurzke, Hermann: Heinrich von Kleists Krankheit und Größe. (Rezension zu den Kleist-Biografien von Bisky und Schulz aus dem Jahre 2007). Text aus: Die Welt. Artikel vom 28.10.07.
http://www.welt.de/kultur/article1298052/Heinrich_von_Kleists_Krankheit_und_Groesse.html

Autor: Norbert Peis M.A. phil. (Neuere deutsche Literatur, Philosophie, Germanistische Linguistik; Abschluss an der LMU München), geb. 07.03.70 in Freising.
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Porträt H. v. Kleist: Dr. Erika Zehle, u. a. Künstlerin aus Friedrichshafen-Kluftern, 2010. (Nach der Miniatur von Peter Friedel, 1801.)